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Lutherbibel
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Die Lutherbibel (AbkĂŒrzung LB) ist eine frĂŒhe protestantische BibelĂŒbersetzung aus dem 16. Jahrhundert und das Werk des Reformators Martin Luther unter Mitarbeit weiterer Theologen. Sie umfasst und ĂŒbersetzt das Alte Testament aus der althebrĂ€ischen und der aramĂ€ischen Sprache, die alttestamentlichen Apokryphen aus altgriechischen und lateinischen Quellencite-ref-16-1-0[1] und das Neue Testament aus der altgriechischen in die frĂŒhneuhochdeutsche Sprache.
Im September 1522 war eine erste Auflage des Neuen Testaments fertig; ab 1534 lag dann eine deutsche Vollbibel vor, an der Luther zeitlebens weiter Verbesserungen vornahm. 1545 erfolgten die letzten Korrekturen der Biblia Deudsch von Luthers eigener Hand. Vor der Lutherbibel waren zwar schon 18 volle BibelĂŒbersetzungen ins Deutsche gedruckt erschienen,cite-ref-7-2-0[2] doch sie beeinflusste die Entwicklung der deutschen Sprache so nachhaltig wie kein anderes Literaturwerk.cite-ref-9-3-0[3] Damit ist sie mit einer bis heute andauernden Wirkung die traditionsreichste deutsche BibelĂŒbersetzung.cite-ref-4[4]
Unter Lutherbibel versteht man heute einerseits
âą Die Biblia Deudsch, die BibelĂŒbersetzung Martin Luthers aus dem 16. Jahrhundert,
und andererseits
âą die aus der Biblia Deudsch hervorgegangenen, bis in die Gegenwart weiterrevidierten BibelĂŒbersetzungen, welche fĂŒr den deutschsprachigen Protestantismus eine zentrale Rolle spielen, wobei die moderne Bibelwissenschaft, aber auch theologische Denkrichtungen und Frömmigkeitsbewegungen (z. B. Pietismus, Evangelikalismus und Liberaltheologie) verĂ€ndernd ihre Anliegen in die Textgestalten einbrachten. Diese Versionen basieren zwar auf Luthers Ăbersetzung, unterscheiden sich aber von ihr und untereinander durch sprachliche Modernisierungen und teils auch in der Textgrundlage.
Die Evangelische Kirche (EKD) empfiehlt die 2017 revidierte Lutherbibel zum Gebrauch im Gottesdienst. Pfarrkonvent und Kirchensynode der SelbstĂ€ndigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) nahmen 2018 die revidierte Lutherbibel fĂŒr den liturgischen Gebrauch an, mit der EinschrĂ€nkung, âfĂŒr die Lesungen an bestimmten Sonn- und Feiertagen bei der oftmals verstĂ€ndlicheren und an mancher Stelle auch theologisch prĂ€ziseren Revision der Lutherbibel aus dem Jahr 1984 zu bleiben.âcite-ref-5[5] Ebenso wird die Lutherbibel in der Fassung von 2017 in der Neuapostolischen Kirche verwendet.cite-ref-6[6] Im Lutherhaus Eisenach widmet sich eine Dauerausstellung speziell der Lutherbibel.
Die Lutherbibel hat folgende Charakteristika:cite-ref-7[7]
Umfang
Zur Anordnung der biblischen BĂŒcher in der Ăbersetzung: siehe Auswahl und Reihenfolge der neutestamentlichen und alttestamentlichen BĂŒcher.
Ăbersetzt wurden das Alte Testament im Umfang des Kanons der HebrĂ€ischen Bibel (Tanach), die Apokryphen des Alten Testaments etwa im Umfang der Vulgata und Septuaginta, sowie das Neue Testament.
Textgrundlagen
Zur Entwicklung der Grundtexte siehe: Textgrundlagen der Lutherbibel.
Die Ăbersetzung des Alten Testaments umfasst den masoretischen Text in hebrĂ€ischer und aramĂ€ischer Sprache. Die Apokryphen des Alten Testaments dagegen wurden anfangs aus der lateinischen Vulgata, teils aus der griechischen Septuaginta ĂŒbersetzt und spĂ€ter ausschlieĂlich aus der Septuaginta. Textgrundlage des Neuen Testaments war ursprĂŒnglich das Novum Testamentum Omne. Seit der LB 1883 wurde die Textgestalt von textkritischen Fassungen des NT Graece beeinflusst und seit der LB 1956 bestimmt.cite-ref-5-8-0[8]
Ăbersetzungstyp
Es handelt sich um eine philologische Ăbersetzung (siehe dazu den Artikel BibelĂŒbersetzung), die gleichzeitig durch die starke Orientierung an der Idiomatik der Zielsprache Deutsch deutliche kommunikative Elemente enthĂ€lt â ein damals innovativer und kontrovers diskutierter Ansatz. Die Bilderwelt ist vielfach auf den deutschen Leser zugeschnitten.
Sprachstil
Zu Luthers eigenem Sprachstil siehe: Luthers sprachschöpferische Leistung.
Nachdem die Versionen des 20. Jahrhunderts sich der modernen deutschen Sprache angenÀhert hatten, hatte die Revision 2017 den Grundsatz, wieder möglichst nahe an Luthers Sprachstil zu bleiben, sofern dieser heute noch verstÀndlich ist.
Beigaben, Kernstellen
Die meisten Ausgaben der Lutherbibel enthalten nicht zum Text gehörige AbschnittsĂŒberschriften sowie Verweise auf Abschnitts-, Vers- und Wortparallelen. Oft gibt es einen Anhang mit Sach- und WorterklĂ€rungen zum biblischen Umfeld (z. B. Landkarten, MaĂe, Gewichte). Schon Luther hat âKernstellenâ mit besonders wichtigen Aussagen im Druck hervorheben lassen. Zur spĂ€teren Entwicklung und zum Gebrauch der Kernstellen siehe den Abschnitt Bibelgebrauch im Pietismus.
Contents
âą Neues Testament
âą Literatur
âą Weblinks
âą Anmerkungen
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Der Weg zur Biblia Deudsch von 1545
Ăbersetzung des Neuen Testaments
Untergetaucht als âJunker Jörgâ, begann Martin Luther wĂ€hrend seines Aufenthalts auf der Wartburg (4. Mai 1521 bis 1. MĂ€rz 1522) mit der Ăbersetzung des Neuen Testaments aus dem Griechischen. Philipp Melanchthon hatte ihn zu dieser Arbeit motiviert, wahrscheinlich wĂ€hrend Luthers kurzem Besuch in Wittenberg im Dezember 1521. Nachdem das Novum Instrumentum Omne von Erasmus 1516 in Druck gegeben worden war, hatten sich Humanisten an der Ăbersetzung einzelner Teile ins Deutsche versucht. Johann Lange z. B., Luthers Mitbruder und frĂŒherer Griechischlehrer in Erfurt, hatte 1521 ein deutsches MatthĂ€usevangelium drucken lassen. Luther strebte aber eine kommunikativere Ăbersetzung an. AuĂerdem wollte er das Neue Testament als Ganzes der Ăffentlichkeit vorlegen.cite-ref-9[9]
Luthers Handapparat auf der Wartburg
Luther hatte auf der Wartburg die Vulgata zur Hand,cite-ref-bornkamm65-10-0[10] oder sie war ihm auswendig so prĂ€sent, dass er das Buch gar nicht mehr brauchte. Nikolaus Gerbel aus StraĂburg hatte ihm eine Ausgabe seines griechischen NT geschenkt (griechischer Text nach Erasmus, aber ohne Beigaben).cite-ref-11[11]cite-ref-12[12] AuĂerdem hatte Luther auch das Novum Testamentum Omne des Erasmus (2. Auflage 1519) zur VerfĂŒgung, welches in zwei Spalten den griechischen Text mit Anmerkungen und daneben eine neue lateinische Ăbersetzung bot. Diese Edition war fĂŒr Luther wichtig, weil sein Griechisch nicht so ausgeprĂ€gt war, dass er mit dem Urtext ohne Hilfe von Philologen wie Erasmus oder Melanchthon selbstĂ€ndig hĂ€tte arbeiten können.cite-ref-bornkamm65-10-1[10]
Luther ĂŒbersetzte auf unterschiedliche Weise, wobei nicht aufzuhellen ist, warum er sich jeweils fĂŒr eine der folgenden Optionen entscheidet:cite-ref-bornkamm65-10-2[10]
1. Er folgt der Vulgata und ĂŒbersetzt den griechischen Text wie sie.
2. Er folgt der Vulgata gegen den griechischen Text.
3. Er folgt der Vulgata trotz der Korrektur des Erasmus.
4. Er folgt der Ăbersetzung des Erasmus gegen die Vulgata. Das ist der Normalfall dort, wo er von der Vulgata abweicht.
5. Er folgt den Anmerkungen bei Erasmus gegen die Vulgata, auch dort, wo Erasmus sie in seiner Ăbersetzung nicht umgesetzt hat.
6. Er verbindet verschiedene Anregungen zu eigener Gestaltung.
7. Er ĂŒbersetzt selbst (falsch) aus dem Griechischen gegen Erasmus und gegen die Vulgata. Die selbstĂ€ndige Arbeit am griechischen Text war Luthers Ideal, das er aber unter den Arbeitsbedingungen auf der Wartburg und ohne den Rat der Experten noch nicht umsetzen konnte.cite-ref-bornkamm65-10-3[10]
8. Er ĂŒbersetzt frei, dem Sinn nach, angeregt durch die Anmerkungen des Erasmus.
Die âLutherstubeâ auf der Wartburg war bezogen auf die BibelĂŒbersetzung der Ort, âwo Luther die sicheren KrĂŒcken aus der Hand warf und eigene, wenn auch z. T. unbeholfene Schritte versuchteâ.cite-ref-13[13]
Stuttgarter Vulgata, eine Bibel aus dem Umkreis Martin Luthers
1995 schien es, als sei in der WĂŒrttembergischen Landesbibliothek die lateinische Bibel entdeckt worden, die Luther auf der Wartburg benutzte. Dieses 1519 in Lyon gedruckte Buch ist voller EintrĂ€ge einer Person, die sich mit Luthers Ăbersetzungsarbeit beschĂ€ftigt hat, eine ihm Ă€hnliche Handschrift hat, aber (nach aktuellem Stand) nicht Luther selbst ist.cite-ref-14[14]
Bedeutung der lateinischen Bibel
Es ist nur ein Teil der Wahrheit, dass Luther sich in diesen Wochen â getreu dem humanistischen Motto ad fontes (âzu den Quellenâ) â von der Vulgata ab- und dem griechischen Urtext zuwandte. Denn er nahm noch 1530 in seinem Sendbrief vom Dolmetschen alle Beispiele aus der lateinischen Bibel. Der Einfluss der Vulgata ist in der Lutherbibel stark spĂŒrbar,cite-ref-bornkamm65-10-4[10] die so ein Erbe der mittelalterlich-lateinischen Tradition im deutschen Sprachraum bis heute bewahrt. Bei der Revision 2017 beispielsweise wurden die Bearbeiter des Lukasevangeliums immer wieder mit dem PhĂ€nomen konfrontiert, dass Luthers Ăbersetzung Lesarten bietet, die er in keinem griechischen Text finden konnte, sondern die aus seiner Vertrautheit mit dem Vulgata-Wortlaut herrĂŒhren.cite-ref-15[15]
Der entscheidende Unterschied, den auch Luther selbst in seinem Sendbrief vom Dolmetschen (1530) an der berĂŒhmten, aber meist nur verkĂŒrzt zitierten Stelle von âdem Volk auf's Maul schauenâ hervorhebt, war, dass Luther sich von der dogmatischen Verpflichtung auf die Vulgata und damit auf die lateinische Sprache und auch die lateinische Sprachstruktur (die die Ăbersetzungen vor Luther geprĂ€gt hatten) befreit hatte. Damit blieb zwar die Vulgata neben dem griechischen Urtext eine wichtige Textquelle, aber Luther konnte sich fĂŒr die sprachliche Gestaltung in groĂer Freiheit auf die Zielsprache einlassen.cite-ref-16[16]
Beispiele fĂŒr die Ăbernahme der Vulgata-Tradition gegen den Urtext
In den beiden folgenden FĂ€llen hat erst die Revision von 2017 Luthers Ăbersetzung korrigiert, jeweils mit dem Hinweis: âLuther ĂŒbersetzte nach dem lateinischen Text.â
Philipper 4,7 ⊠Îșα᜶ áŒĄ ΔጰÏÎźÎœÎ· ÏοῊ ΞΔοῊ áŒĄ áœÏΔÏÎÏÎżÏ
Ïα ÏÎŹÎœÏα ÎœÎżáżŠÎœ ÏÏÎżÏ
ÏÎźÏΔÎč Ïáœ°Ï ÎșαÏÎŽÎŻÎ±Ï áœÎŒáż¶Îœ Îșα᜶ Ïᜰ ÎœÎżÎźÎŒÎ±Ïα áœÎŒáż¶Îœ áŒÎœ ΧÏÎčÏÏáż· ጞηÏοῊ.cite-ref-17[17]
Vulgata: Et pax Dei, quĂŠ exuperat omnem sensum, custodiat corda vestra, et intelligentias vestras in Christo Jesu. Und der Friede Gottes, der jedes VerstĂ€ndnis ĂŒbersteigt, möge eure Herzen beschĂŒtzen und euren Einsichten in Christus Jesus. LB 1545 Vnd der friede Gottes / welcher höher ist / denn alle vernunfft / beware ewre hertzen vnd sinne in Christo Jhesu.
LB 2017 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren.
Bedeutung: Kanzelsegencite-ref-18[18] im evangelischen Gottesdienst.
Römer 9,5 ⊠Îșα᜶ áŒÎŸ ᜧΜ ᜠΧÏÎčÏÏáœžÏ Ï᜞ ÎșαÏᜰ ÏÎŹÏÎșα, áœ áœąÎœ áŒÏ᜶ ÏÎŹÎœÏÏΜ ÎžÎ”áœžÏ Î”áœÎ»ÎżÎłÎ·ÏáœžÏ Î”áŒ°Ï ÏÎżáœșÏ Î±áŒ°áż¶ÎœÎ±Ïcite-ref-19[19]
Vulgata: ⊠ex quibus est Christus secundum carnem, qui est super omnia Deus benedictus in sÊcula.
LB 1545 ⊠aus welchen Christus her kompt nach dem Fleische / Der da ist Gott vber alles / gelobet in Ewigkeit.
LB 2017 ⊠aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch. Gott, der da ist ĂŒber allem, sei gelobt in Ewigkeit.
Bedeutung: Wichtig fĂŒr die Christologie.
Beispiele fĂŒr die Nachbildung von Vulgata-Formulierungen in der Lutherbibel
Römer 6,4 Consepulti enim sumus cum illo per baptismum in mortem: ut quomodo Christus surrexit a mortuis per gloriam Patris, ita et nos in novitate vitÊ ambulemus.
LB 2017 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in einem neuen Leben wandeln.
EĂ 2016 Wir wurden ja mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, damit auch wir, so wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln.
Römer 12,18 Si fieri potest, quod ex vobis est, cum omnibus hominibus pacem habentes.
LB 2017 Istâs möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.
Eà 2016 Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden!
Galater 2,20a Vivo autem, jam non ego: vivit vero in me Christus.
LB 2017 Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.
EĂ 2016 Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.
Septembertestament 1522
â
Hauptartikel
:
Septembertestament
Zu einer Prachthandschrift des Septembertestaments: siehe Glockendon-Bibel.
Luther ĂŒbersetzte sehr schnell. Er schloss die Arbeit in nur elf Wochen ab.cite-ref-20[20] âAls er Anfang MĂ€rz 1522 nach Wittenberg zurĂŒckkehrte, hatte er das fertige Manuskript im GepĂ€ck.âcite-ref-21[21] Diesen Entwurf ging er mit Melanchthon als Fachmann fĂŒr die griechische Sprache in den folgenden Wochen noch einmal durch.cite-ref-22[22] Georg Spalatin, auch ein Kenner des Griechischen, wurde hĂ€ufig bei WortklĂ€rungen um Hilfe gebeten. Er besorgte beispielsweise Edelsteine aus der Schatzkammer des KurfĂŒrsten als Anschauungsmaterialcite-ref-23[23] bei der Ăbersetzung von Offb 21,19â20 . Der Numismatiker Wilhelm Reiffenstein beriet Melanchthon brieflich bei Fragen der antiken MĂŒnzen. (Als Ergebnis dieses Gelehrtenaustauschs konnte Luther alle MĂŒnzen des Neuen Testaments aktualisierend mit MĂŒnzen seiner eigenen Zeit identifizieren: Groschen, Heller, Scherflein, Silberling, Silbergroschen. Diese historischen deutschen MĂŒnzbezeichnungen werden bis heute in der Lutherbibel verwendet, zumal einige geflĂŒgelte Worte damit verbunden sind.cite-ref-24[24])
Um Nachdrucke der Konkurrenz zu verhindern, bereitete man die Drucklegung im Geheimen vor. Das verlegerische Risiko trugen Lucas Cranach und Christian Döring. Luthers Name erschien nicht auf dem Titelblatt. Dieses Neue Testament war ein hochwertiger Folioband und darum relativ teuer,cite-ref-25[25] einspaltig, in Schwabacher Type, mit konventionellem Bildschmuck.cite-ref-26[26] Ein Zyklus von 11 ganzseitigen Holzschnitten aus der Cranachwerkstatt schmĂŒckte die Apokalypse. Albrecht DĂŒrers Apokalypse-Zyklus lieferte dafĂŒr die Vorlage. Luther und Cranach konzipierten die AusfĂŒhrung gemeinsam; es ging ihnen um aktuelle polemische Spitzen gegen das Papsttum.
Als Drucker wurde der Wittenberger Melchior Lotter fĂŒr das Unternehmen gewonnen. Die Drucktechnik brachte es mit sich, dass keines der erhaltenen Exemplare dem anderen gleicht: In Lotters Werkstatt waren drei Pressen gleichzeitig in Betrieb; der Termindruck fĂŒhrte dazu, dass man bestehende SĂ€tze auflöste, um die Lettern fĂŒr neue Textseiten verwenden zu können.cite-ref-27[27] (Dieses PhĂ€nomen begleitet die Lutherbibel bis ins 18. Jahrhundert: mit jedem Nachdruck vermehrte sich die Zahl von Textvarianten.)
dezembertestamentIm September 1522, âpĂŒnktlich zur Leipziger Buchmesseâ,cite-ref-28[28] lag das Neue Testament in der hohen Auflage von 3000 Exemplaren vor. Das Buch kostete je nach Ausstattung zwischen œ und 1œ Guldencite-ref-29[29] und war innerhalb von drei Monaten ausverkauft. Bereits im Dezember 1522 wurde die zweite Auflage, das sogenannte Dezembertestament, mit verbessertem Text und korrigierten Bildern gedruckt.
Auswahl und Reihenfolge der neutestamentlichen BĂŒcher
Neu war mit dem Septembertestament die einzigartige Reihenfolge der neutestamentlichen BĂŒcher: Luther hat die von ihm weniger geschĂ€tzten BĂŒchercite-ref-30[30] (HebrĂ€er-, Jakobus- und Judasbrief sowie Offenbarung) ans Ende verschoben. De facto Ă€uĂert sich diese Umordnung aber dadurch, dass der HebrĂ€er- und Jakobusbrief nun zwischen dem 3. Johannesbrief und dem Judasbrief zu finden sind, da Judas und Offenbarung bereits vorher den Schluss des NT-Corpus gebildet haben. Die Lutherbibel ist die weltweit einzige Bibel mit dieser Reihenfolge.
Ăbersetzung des Alten Testaments
Luthers hebrÀischer Handapparat
Schon seit etwa 1507 hatte Luther HebrĂ€isch gelernt, im Wesentlichen als Autodidakt.cite-ref-10-31-0[31] Dieses Fach war an den UniversitĂ€ten noch neu,cite-ref-32[32] gemessen daran waren Luthers Sprachkenntnisse gut, allerdings nicht hinreichend, um hebrĂ€ische BĂŒcher ohne Hilfe zu lesen. Er benutzte die LehrbĂŒcher und Grammatiken Johannes Reuchlins und Wolfgang Capitos, auĂerdem kannte er die Grammatik von Moses Kimchi. In seinem persönlichen Besitz waren zwei Urtextausgaben: eine kleine Soncino-Bibel (siehe unten) und eine (verschollene) groĂe hebrĂ€ische Bibel, auĂerdem ein hebrĂ€ischer Psalter, den Johannes Lang ihm geschenkt hatte.cite-ref-33[33]
Spuren der Arbeit am hebrÀischen Text
SpĂ€testens 1519 erwarb Luther ein Exemplar des Tanach, das EintrĂ€ge zweier jĂŒdischer Vorbesitzer enthielt.cite-ref-12-34-0[34] Besonders die BĂŒcher der Tora hat er gelesen und hier vor allem das 1. Buch Mose.cite-ref-35[35] Die meisten handschriftlichen EintrĂ€ge Luthers sind lateinisch, wenige deutsch; sie befassen sich mit Ăbersetzungsproblemen.cite-ref-36[36] Es ist aber schwierig, in Luthers Notizen âeinen direkten Reflex der Ăbersetzungsarbeitâ zu sehen: Er hatte den handlichen Band wahrscheinlich immer mit dabei, seine EintrĂ€ge darin wirken aber spontan und zufĂ€llig.cite-ref-37[37]
Doch gibt es auch Beispiele, wo sich die Spur seiner Ăbersetzung von den Notizen in seiner Tanach-Ausgabe bis zu den Druckausgaben und sogar bis in die LB von 2017 verfolgen lĂ€sst:
Jesaja 7,9b ŚŚ ŚŚ ŚȘŚŚŚŚ Ś ŚŚ ŚŚ ŚȘŚŚŚ ŚŚ
Er ahmte also ein Wortspiel des hebrĂ€ischen Textes (taaminu/teamenu) im Deutschen nach.cite-ref-39[39] Diese Ăbersetzungsidee hatte er vor dem Druck der Vollbibel von 1534 verworfen. Er entschied sich fĂŒr eine freie, interpretierende Ăbersetzung.
LB 1534 Gleubt jr nicht so werdet ihr feilen. Randglosse dazu: Das ist Was jr sonst furnemet das soll feilen / vnd nicht bestehen noch glĂŒck haben.cite-ref-40[40]
In die Lutherbibel letzter Hand ist die binnenreimende Ăbersetzung zurĂŒckgekehrt, und zwar bis heute.
LB 2017 Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht.
Ein jĂŒdisches Buch, christlich ĂŒbersetzt
âWer teutsch reden will / der muĂ nicht der Ebreischen Wort Weise fĂŒhren / sondern muĂ darauff sehen / ⊠daĂ er den Sinn fasse / und dencke also: Lieber / wie redet der teutsche Mann in solchem Fall? Wenn er nun die teutsche Wort hat / die hiezu dienen / so lasse er die Ebreischen Wort fahren / und spreche frey den Sinn heraus / auffs beste teutsch / so er kan.âcite-ref-41[41]
Luther lebte fern von den letzten Zentren jĂŒdischer Gelehrsamkeit im Reich, und er hat sich im Gegensatz zu anderen Humanisten nie bemĂŒht, jĂŒdische Experten persönlich kennenzulernen.cite-ref-42[42] Die WertschĂ€tzung der hebrĂ€ischen Sprache ging bei ihm mit einem grundsĂ€tzlichen Misstrauen gegenĂŒber den Rabbinen einher, weil sie die christliche Dimension des Alten Testaments nicht anerkannten.cite-ref-10-31-1[31]
Der Reformator erklĂ€rte in den âSummarien ĂŒber die Psalmen und Ursachen des Dolmetschensâ (1533) seine Ăbersetzungsentscheidungen: Er wollte insgesamt eine flĂŒssige Ăbersetzung âauffs beste teutschâ, aber dort, wo der hebrĂ€ische Wortlaut einen tieferen Sinn zu bieten schien, ĂŒbersetzte er wortwörtlich. Das ist problematischer, als es scheinen mag. Denn Luthers christlicher Glaube war seine âWĂŒnschelruteâ (Franz Rosenzweig), die bestimmte, wo das Alte Testament âlebendiges Gotteswortâ war, âda, und nur da, da aber unbedingt, musste es wörtlich genommen werden und also auch in steifer Wörtlichkeit ĂŒbersetztâcite-ref-43[43] werden. Auf diese Weise durchdringt die christliche Deutung bei Luther das ganze Alte Testament.cite-ref-44[44]
Arbeit des Wittenberger Ăbersetzerteams
Das Alte Testament der Lutherbibel war ein Gemeinschaftswerk. Wohl noch 1522 begann Luther mit einem Team von Fachleuten die Ăbersetzung des Pentateuch. Wichtig war der Beitrag des Wittenberger Hebraisten MatthĂ€us Aurogallus.cite-ref-45[45] Johannes Mathesius behauptete, dass Luther sich âetliche Schöpse abstechen lieĂâcite-ref-46[46] und von dem Wittenberger Metzger dann die Bezeichnungen der einzelnen Innereien erfragte â um Stellen wie Lev 3,6â11 richtig ĂŒbersetzen zu können. Anfangs in schneller Folge wurde ein Buch des Alten Testaments nach dem anderen ĂŒbersetzt und in Druck gegeben: Schon im Oktober 1524 lagen der Pentateuch, die historischen und die poetischen BĂŒcher vor (d. h. der gesamte erste Band der zweibĂ€ndigen Vollbibel-Ausgaben).
Wegen sprachlicher Schwierigkeiten stockte die ĂbersetzungstĂ€tigkeit, als man sich den ProphetenbĂŒchern zuwandte; unterdessen erschien 1527 in Worms eine Ăbersetzung aller ProphetenbĂŒcher durch die TĂ€ufer Ludwig HĂ€tzer und Hans Denck. Luther zollte diesem Buch ein ambivalentes Lob:
âDarumb halt ich, das kein falscher Christ noch rottengeist trewlich dolmetzschen könne, wie das wol scheinet inn den prophetenn zu Wormbs verdeutschet, darinn doch warlich grosser vleis geschehen, und meinem deutschen fast nach gangen ist. Aber es sind JĂŒden da bey gewest, die Christo nicht grosse hulde erzeigt haben, sonst were kunst und vleiĂ genug da.âcite-ref-47[47]
Die Ăbersetzergruppe um Luther nutzte die âWormser Prophetenâ als Hilfsmittel, verdrĂ€ngte sie dann aber mit der eigenen ProphetenĂŒbersetzung vom BĂŒchermarkt. Ein Beispiel zum Vergleich beider Ăbersetzungen:
Micha 6, 8 ŚŚŚŚ ŚŚ ŚŚŚ ŚŚÖŸŚŚŚ ŚŚŚÖŸŚŚŚŚ ŚŚŚšŚ© ŚŚŚ ŚŚ ŚŚÖŸŚąŚ©ŚŚȘ ŚŚ©Ś€Ś ŚŚŚŚŚȘ ŚŚĄŚ ŚŚŚŠŚ Śą ŚŚŚȘ ŚąŚÖŸŚŚŚŚŚŚ
HĂ€tzer/Denck Mensch es ist dir genĆŻgsam angesagt / was gĆŻt sei / vnnd was der HERR von dir erfordere / nemlich / das recht halten / vnn barmhertzigkeyt lieben / vnd zĂŒchtig vor deinem Gott wandlen.cite-ref-48[48]
LB 1534 Es ist dir gesagt / Mensch / was gut ist / vnd was der HERR von dir foddert / nemlich / Gottes wort halten / vnd liebe vben / vnd demuetig sein fur deinem Gott.cite-ref-49[49]
(Bedeutung: Mi 6,8 ist ein Problem bei jeder Lutherbibel-Revision, weil Luthers Ăbersetzung hier stark von seiner Theologie geprĂ€gt ist und dem HebrĂ€ischen nicht gerecht wird. Weil der Text z. B. durch eine Bach-Kantate sehr bekannt ist, hat auch die Revision von 2017 Luthers Formulierung erhalten und in einer FuĂnote die wörtliche Ăbersetzung hinzugefĂŒgt.)
Erste Gesamtausgabe 1534
WĂ€hrend der Arbeit an den ProphetenbĂŒchern begann die Ăbersetzung der Apokryphen. Als erste apokryphe Schrift ĂŒbersetzte Luther von Juni 1529 bis Juni 1530 die Weisheit Salomos. Luther war in dieser Zeit öfter krank, wohl deshalb ĂŒbernahmen seine Mitarbeiter die Ăbersetzung der Apokryphen, Luther verfasste allerdings Vorreden zu diesen Schriften. An der Ăbersetzung des Jesus Sirach war Luther neben Melanchthon und Cruciger beteiligt. Die Auswahl der Apokryphen in der Lutherbibel folgt der Vulgata-Tradition. Das zeigt sich daran, dass Luther das Gebet des Manasse ĂŒbernahm, das in Vulgata-Ausgaben der Reformationszeit einen Anhang zum 2. Buch der Chronik bildete. Es schlieĂt den Apokryphenteil der Lutherbibel ab. Völlig neuartig ist die Reihenfolge:
1. Buch Judit
2. Weisheit Salomos
3. Buch Tobias (Tobit)
4. Buch Jesus Sirach
5. Buch Baruch
6. Erstes Buch der MakkabÀer
7. Zweites Buch der MakkabÀer
8. StĂŒcke zu Ester
9. StĂŒcke zu Daniel
10. (Gebet Manasses)
Der Grund fĂŒr diese Umgruppierung ist, dass das Buch Judit nach Luthers Meinung ein âExempelâ fĂŒr die Weisheit Salomos sei (die er in altkirchlicher Tradition Philon von Alexandria als Autor zuschrieb) und das Buch Tobias ein Exempel der Weisheitslehre des Sirachbuchs.cite-ref-51[51]
Das Neue Testament, 1529 grĂŒndlich revidiert, erhielt 1530 seine endgĂŒltige Form.
1531 wurde der Psalter noch einmal von einem Team ĂŒberarbeitet, zu dem auĂer Luther auch Philipp Melanchthon, Caspar Cruciger, MatthĂ€us Aurogallus und Justus Jonas gehörten, eventuell auch der Hebraist Johann Forster. Melanchthon war durch seine historischen und philologischen Kenntnisse âgewissermaĂen das wandelnde Lexikon der Revisionâ.cite-ref-52[52] Das erhaltene Protokoll aus der Hand von Georg Rörer zeigt die Arbeitsweise der Kommission: Alle Formulierungen kamen auf den PrĂŒfstand, gelegentlich schlugen die Philologen Ănderungen vor, ĂŒber die Luther entschied.cite-ref-53[53] Bei dieser Gelegenheit erhielt Psalm 23 den âklassischenâ Wortlaut.cite-ref-54[54]cite-ref-55[55]
Psalm 23,2a ŚŚ ŚŚŚȘ ŚŚ©Ś ŚŚšŚŚŚŠŚ Ś
Luthers Handschrift: Er lesst mich weyden ynn der wonung des grases.
Erstdruck der Psalmen 1524: Er lesst mich weyden da viel gras steht.
Revidierter Text 1531: Er weidet mich auff einer grunen Awen.
FĂŒr die Gesamtausgabe sah das Wittenberger Ăbersetzerteam den gesamten Text des Alten Testaments 1533 ein weiteres Mal durch, besonders das 1. Buch Mose. Auf der Leipziger Michaelismesse (4. bis 11. Oktober 1534) lag dann die vollstĂ€ndige Bibel (900 ungebundene FolioblĂ€tter) zum Kauf vor, sechs Teile mit je eigenem Titelblatt und eigener BlattzĂ€hlung: 1. Pentateuch, 2. historische BĂŒcher, 3. poetische BĂŒcher, 4. ProphetenbĂŒcher, 5. Apokryphen, 6. Neues Testament. Es war die erste Lutherbibel mit dem Wappen und der Druckerlaubnis des KurfĂŒrsten.
Beigaben zur Biblia Deudsch
Damit der Leser sich möglichst leicht in der Bibel zurechtfand, hatte Luther mit seinem Ăbersetzerteam viel Arbeit in die Vorreden und Randglossen gesteckt.cite-ref-56[56]
Die Vorreden leiten den Leser dazu an, die Bibel mit den Fragestellungen Luthers zu lesen (Rechtfertigungslehre):
âą Vorrede auf das Alte Testament: âAlso ist des alten Testaments eigentliche Heubtlere / Gesetze leren und SĂŒnde anzeigen / vnd guts foddern.âcite-ref-57[57] Indem die SĂŒnde aufgezeigt wird (z. B. durch die Zehn Gebote), erkennt der Mensch sein Scheitern. Die BĂŒcher des AT enthalten Luther zufolge Exempel, wie die Israeliten am Gesetz scheitern.
âą Vorrede auf das Neue Testament: Das Neue Testament ist ganz Evangelium, âgute Botschaft / gute Mehre.â Christus lockt, er droht nicht. âDarumb sihe nu drauff / Das du nicht aus Christo einen Mosen machest / noch aus dem Euangelio ein Gesetz oder Lerebuch ⊠Denn das Euangelium foddert eigentlich nicht vnser werck / das wir da from vnd selig werden ⊠Sondern es foddert den glauben an Christo ⊠Das wir vns seines sterbens vnd Siegs mĂŒgen annemen / als hetten wirs selbst getan.âcite-ref-58[58]
Bei den ErklĂ€rungen zum AT war Fachwissen in verschiedenen Disziplinen gefragt. In der âVorrede von dem Propheten Danielâ z. B. wird dem Leser die Geschichte der MakkabĂ€er detailliert dargestellt, um die ErfĂŒllung der in Dan. 8 enthaltenen Prophezeiungen historisch einzuordnen. (Doch dann ĂŒberwĂ€ltigt den Reformator die Zeitgeschichte: âHJe ist klerlich der Bapst abgemalet / der in seinen Drecketen vnuerschampt brĂŒllet âŠâcite-ref-59[59]) Als Beispiel fĂŒr die vielen kleinen SacherklĂ€rungen, die die Biblia Deudsch dem Leser anbot, hier eine Randglosse zu Hi 9,9 : â(Orion) Jst das helle Gestirne gegen mittag / das die Bauren den Jacobsstab heissen. Die Glucke oder Henne / sind die sieben kleinen Sterne.âcite-ref-60[60]
Bei alledem entsteht jedoch kein getreues Bild des Alten Orients oder der antiken Welt vor dem Auge des Lesers, sondern es ist immer Luthers eigene Umwelt, die von Knechten und MĂ€gden, nicht Sklaven und Sklavinnen bevölkert wurde,cite-ref-61[61] in der vertraute Pflanzen wuchsen und die Schweine, wie in Wittenberg ĂŒblich, BraurĂŒckstĂ€nde fraĂen statt Schoten des Johannisbrotbaums: âVnd gieng hin / vnd henget sich an einen BĂŒrger desselbigen Landes / der schicket jn auff sein acker der Sew zu hĂŒten. Vnd er begerte seinen Bauch zu fĂŒllen mit trebern / die die Sew assen / vnd niemand gab sie jm.â (Lk 15,15â16 )
Nach Notger Slenczka beabsichtigte Luther mit seiner Biblia Deudsch mehr, als dem nicht sprachkundigen Leser einen Ersatz fĂŒr die LektĂŒre des hebrĂ€ischen und griechischen Urtextes zu bieten. Vielmehr sollte seine Ăbersetzung dem Leser ein GesamtverstĂ€ndnis der Bibel liefern, von wo aus Licht auf die Einzeltexte fĂ€llt. Das sei ihr âreligiöser Eigenwert.âcite-ref-62[62]
Auswahl und Reihenfolge der alttestamentlichen BĂŒcher
Luther richtete sich bei der Reihenfolge der BĂŒcher des Alten Testaments nach der lateinischen Vulgata (welche sich wiederum an der Septuaginta orientiert), weil dies die im Christentum ĂŒberlieferte Anordnung der Bibel war. Neu war, dass er diejenigen BĂŒcher und Abschnitte der Septuaginta, die nicht zum jĂŒdischen Kanon gehören, aus der alten Anordnung absonderte und als Apokryphen in einem Anhang zum Alten Testament unterbrachte und als âder Heiligen Schrift nicht gleichgehaltenâcite-ref-63[63] bezeichnete. Er empfahl aber ihre LektĂŒre. Die griechischen Apokryphen 3. und 4. Esra nahm er nicht in seine Ăbersetzung auf.cite-ref-16-1-1[1] Luthers Unterscheidungskriterium war die von der humanistischen Ad-Fontes-Bewegung abgeleitete Hebraica Veritas: eine authentische Heilige Schrift des Alten Testaments mĂŒsse demnach aus ursprĂŒnglicher (und damit hebrĂ€ischer) Ăberlieferungssprache stammen. Diese Vorstellung âfindet sich teilweise schon in der Antike bei Hieronymus, dem Ăbersetzer der Vulgata, und war aufgrund der Kontakte mit Rabbinern auch im okzidentalen Mittelalter gegenwĂ€rtig. Aber mit der humanistischen Textarbeit erhielt die Orientierung am hebrĂ€ischen Text eine neue Bedeutung.âcite-ref-64[64]
Schreibweise des Gottesnamens
Im Alten Testament der Lutherbibel von 1545 steht die Schreibweise âHERRâ fĂŒr JHWH, die Schreibweise âHErrâ fĂŒr Adonai. Im Neuen Testament steht die Schreibweise HERR in 150 Zitaten aus dem AT, die den Gottesnamen JHWH enthalten. Wo in Luthers Sicht Christus gemeint ist, wĂ€hlte er die Schreibweise HErr. Die Drucker gingen mit diesen Regeln aber unterschiedlich um. (Bei der Revision von 2017 wurde ĂŒberlegt, Luthers Schreibweisen wieder einzufĂŒhren. Das geschah nicht, weil es erhebliche exegetische, reformationshistorische und systematische Vorarbeiten verlangt hĂ€tte.cite-ref-65[65] In modernen Ausgaben der Lutherbibel wird fĂŒr JHWH die Schreibweise âHerrâ gebraucht.)
âEli, eli, lama asabthani?â
Im MatthĂ€us- und Markusevangelium werden die letzten Worte Jesu am Kreuz auf AramĂ€isch, griechisch transkribiert, wiedergegeben. Es handelt sich dabei um ein Zitat aus Ps 22,2 , das im hebrĂ€ischen Bibeltext die Verbform asabthani (du hast mich verlassen; aus der Wurzel ŚąŚŚ) enthĂ€lt, wohingegen der von den Evangelisten zitierte aramĂ€ische Text dieses Wort durch das gleichbedeutende aramĂ€ische sabachthani (Wurzel Ś©ŚŚ§) ersetzt hat. Luther korrigierte an beiden Stellen, indem er den hebrĂ€ischen Text statt des aramĂ€ischen einfĂŒgte: âEli, Eli, lama asabthani?â Dahinter steht seine besondere Verehrung der hebrĂ€ischen Sprache: âDas neue Testament, obs wol griechisch geschrieben ist, doch ist es voll von Ebraismis und ebrĂ€ischer Art zu reden. Darum haben sie recht gesagt: Die EbrĂ€er trinken aus der Bornquelle; die Griechen aber aus den WĂ€sserlin, die aus der Quelle flieĂen; die Lateinischen aber aus den PfĂŒtzen.â (Tischreden: WA TR 1,525) Die Lutherbibel von 2017 folgt Luthers Schreibweise mit erklĂ€renden FuĂnoten.cite-ref-66[66]
Luthers Bibeln im Weltdokumentenerbe der UNESCO
2015 nahm die UNESCO mehrere frĂŒhe Schriften der Reformation ins Weltdokumentenerbe der UNESCO auf;cite-ref-67[67] darunter auch BĂŒcher, die direkt mit dem Bibelprojekt in Verbindung stehen. Sie sind als digitale Editionen erschlossen (siehe Weblinks):
1. Handexemplar Luthers der HebrĂ€ischen Bibelausgabe, Brescia 1494, Staatsbibliothek zu Berlin â PreuĂischer Kulturbesitz, Shelfmark: Inc. 2840.
2. Das Newe Testament Deutzsch, Wittenberg, Melchior Lotter, 1522, Herzog August Bibliothek WolfenbĂŒttel, Shelfmark: Bibel-S. 4° 257.
3. Biblia das ist die gantze Heilige Schrifft Deudsch. Mart. Luth.,Wittenberg, Hans Lufft, 1534, Herzogin Anna Amalia Bibliothek â Klassik Stiftung Weimar, Shelfmark: Cl I: 58 (b und c). Siehe Weimarer Lutherbibel von 1534.
Luthers sprachschöpferische Leistung
Zu Luthers eigener Darstellung seiner ĂŒbersetzerischen Entscheidungen: siehe Sendbrief vom Dolmetschen.
VerstÀndliche Sprache und biblischer Stil
Die bekannte Aussage Luthers, er wolle dem Volk âauff das Maul sehenâ, bedeutet nicht, dass seine Ăbersetzung auf die Zeitgenossen sprachlich anspruchslos oder vulgĂ€r gewirkt hĂ€tte.cite-ref-68[68]cite-ref-69[69] Wie Birgit Stolt in mehreren Arbeiten nachgewiesen hat, signalisierte der Text dem damaligen Leser, dass er es mit einem besonderen, heiligen Buch zu tun hatte. Dazu dienten sakralsprachliche Formelncite-ref-70[70] (âes begab sichâ, âsieheâ), rhythmische Durchgliederung und rhetorische Schmuckelemente wie Stabreim, Binnenreim sowie das Spiel mit Vokalen.cite-ref-71[71] Im Laufe der Zeit entdeckte Luther immer mehr sprachmalerische Formulierungen; der Preis dafĂŒr ist manchmal eine gröĂere Entfernung vom Grundtext. Dass die Ă€sthetische QualitĂ€t zum Erfolg seiner Ăbersetzung beitrug, fiel auch Gegnern wie Georg Witzel auf: âEr deudtschts nach dem Klange.âcite-ref-2-72-0[72] Beispiele:
âą Psalm 46,4 âWenn gleich das Meer wuetet vnd walletâŠâ
âą MatthĂ€us 5,16 âAlso lasset ewer Liecht leuchten fur den LeutenâŠâ
âą Lukas 2,12 âJr werdet finden das Kind in windeln gewickelt / vnd in einer Krippen ligen.âcite-ref-73[73]
Luther setzte Modalpartikel als besonderes Ausdrucksmittel des Deutschen gezielt ein, um den ĂŒbersetzten Text wie lebendiges, gesprochenes Deutsch wirken zu lassen.cite-ref-2-72-1[72]
âWelcher ist vnter euch Menschen / so jn sein Son bittet vmbs Brot / der jm einen Stein biete? oder so er jn bittet vmb einen Fisch / Der jm eine Schlange biete? So denn jr / die jr doch arg seid / kĂŒnd dennoch ewren Kindern gute gabe geben / Wie viel mehr wird ewer Vater im Himmel gutes geben / denen die jn bitten?â
Dieser Satzbau ist, obwohl archaisch, leichter verstÀndlich als der folgende:
âWelcher ist unter euch Menschen, der seinem Sohn, da jener ihn ums Brot bittet, einen Stein biete? Oder der ihm, so jener ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange biete? So denn ihr, die ihr doch arg seid, euren Kindern dennoch gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen, die ihn bitten, Gutes geben?â
Einfluss auf die Entwicklung des Neuhochdeutschen
SchĂ€tzungen zufolge besaĂ bereits im Jahr 1533 jeder zehnte deutsche Haushalt ein von Luther ĂŒbersetztes Neues Testament.cite-ref-75[75]cite-ref-76[76] Damit ĂŒbte diese BibelĂŒbersetzung wie kein anderes literarisches Werk vorher oder nachher eine spracheinigende und zugleich sprachschöpferische Wirkung aus und beeinflusste die weitere Entwicklung wesentlich.cite-ref-7-2-1[2]cite-ref-9-3-1[3]
Luthers Leistung bestand nicht darin, entscheidend auf das Sprachsystem, also auf die Grammatik und die Regeln, eingewirkt zu haben, da das FrĂŒhneuhochdeutsche diese Regeln lĂ€ngst vor ihm besaĂ. Er wirkte jedoch als Sprachvorbild in verschiedenen Textsorten: Erbauungsliteratur, Predigttexte, Agitationstexte, theologische Fachprosa, Kirchenlieder, Ăbersetzungstexte. Allein die fĂŒr die damalige Zeit enorm hohen Auflagen der Biblia Deudsch waren ein starker Impuls zur Vereinheitlichung der deutschen Schriftsprache.cite-ref-3-77-0[77] Durch Luthers BibelĂŒbersetzung verbreitete sich in vielen Wörtern das auslautende âeâ in der gemeindeutschen Schriftsprache; vgl. Lutherisches e.
Eine wichtige Neuerung war die Verwendung der satzinternen GroĂschreibung fĂŒr âHauptwörterâ. Damit waren â abweichend von der heutigen eng gefassten Definition, die unter Hauptwörtern ausschlieĂlich Substantive versteht â âwichtigeâ Wörter (die meisten Substantive, zuweilen aber auch Verben und Adjektive) gemeint, die Luther zur Sinnerfassung durch GroĂschreibung hervorhob. Auch hierbei geht es um eine Lesehilfe fĂŒr die Sinnerfassung. Die GroĂschreibung am Satzanfang war damals bereits ĂŒblich, GroĂschreibung im Satz wurde gelegentlich verwendet. Aber erst durch die Lutherbibel wurde sie gelĂ€ufig und setzte sich im Lauf des 16. Jahrhunderts durch. Die satzinterne GroĂschreibung unterscheidet bis heute das Deutsche von anderen europĂ€ischen Sprachen. Dass alle Substantive â und nur sie â groĂ geschrieben werden, geht allerdings erst auf spĂ€tere Rechtschreibreformen zurĂŒck.
Luthers Sprechsprache war vom Elternhaus her das Ostmitteldeutsche; das Niederdeutsche war ihm von seinen Aufenthalten in Eisleben und Mansfeld her vertraut.cite-ref-78[78] In Wittenberg fand Luther bei seiner Ankunft eine Diglossie vor: Niederdeutsch (ElbostfĂ€lisch) in der einfachen Bevölkerung, Ostmitteldeutsch im Umkreis der kurfĂŒrstlichen Verwaltung und der UniversitĂ€t.cite-ref-79[79] Luthers Schreibsprache orientierte sich nach eigenem Bekunden an der SĂ€chsischen Kanzlei, die sĂŒddeutsche EinflĂŒsse aufgenommen hatte.cite-ref-80[80] Seine Bibel half dem Neuhochdeutschen bei der Durchsetzung in Norddeutschland â was eigentlich kein Anliegen Luthers war, im Gegenteil. Eine Gruppe um Luthers Mitarbeiter Johannes Bugenhagen ĂŒbersetzte die gesamte Bibel ins Mittelniederdeutsche.
Bereicherung des Wortschatzes
Luther hatte als Ăbersetzer Teil an einer Entwicklung des FrĂŒhneuhochdeutschen, bei der Worte der Alltagssprache, die vorher nur in Mittel- und Norddeutschland verwendet wurden, zu ĂŒberregionaler Bekanntheit aufstiegen und sich gegen ihre sĂŒddeutschen Entsprechungen durchsetzten: Lippe (statt Lefze), TrĂ€ne (statt ZĂ€hre), Ziege (statt GeiĂ), Topf (statt Hafen), Ufer (statt Gestade), Weinberg (statt Wingert), prahlen (statt geuden), pflĂŒgen (statt ackern), krank (statt siech).cite-ref-81[81] Seine Auswahlkriterien waren theologischer Natur, das heiĂt semantisch, kommunikativ und pragmatisch von der Religion her motiviert. Dies zeigen die Untersuchungen Oskar Reichmannscite-ref-82[82] am Material des FrĂŒhneuhochdeutschen Wörterbuches und des Göttinger Bibelarchivs.cite-ref-83[83]
Rezeption der Lutherbibel
Im Laufe der Jahrhunderte haben sich zahlreiche bekannte Persönlichkeiten mit Hochachtung ĂŒber die sprachlich-literarische Leistung bei der Erstellung der Lutherbibel geĂ€uĂert, darunter auch solche, die dem Luthertum oder auch dem christlichen Glauben insgesamt nicht zugeneigt waren. Zwei Beispiele mögen dies belegen:
âWie Luther zu der Sprache gelangt ist, in der er seine Bibel ĂŒbersetzte, ist mir bis auf diese Stunde unbegreiflich. Diese Schriftsprache gibt unserem politisch und religiös zerstĂŒckelten Deutschland eine literarische Einheit.â
â
Heinrich Heine
âDas MeisterstĂŒck der deutschen Prosa ist deshalb billigerweise das MeisterstĂŒck ihres gröĂten Predigers: die Bibel war bisher das beste deutsche Buch. Gegen Luthers Bibel gehalten ist fast alles ĂŒbrige nur »Literatur« â ein Ding, das nicht in Deutschland gewachsen ist und darum auch nicht in deutsche Herzen hineinwuchs und -wĂ€chst: wie es die Bibel getan hat.â
â
Friedrich Nietzsche
Von der Biblia Deudsch zur âLutherbibel 2017â
Lutherbibeln bis zum 19. Jahrhundert
Mischbibeln im 16. Jahrhundert
Der Umfang des Apokryphen-Teils war in der Lutherbibel (wie auch bei vielen anderen protestantischen BibelĂŒbersetzungen) im 16. Jahrhundert noch im Fluss. Die unter der Ăgide Ulrich Zwinglis erstellte FroschauerâBibel enthielt mehr Apokryphen als die Lutherbibel (3. Esra, 4. Esra und 3. MakkabĂ€er); der Ăbersetzer war Leo Jud. Die 1534 in Augsburg von Heinrich Stayner gedruckte Bibel kombinierte im Alten Testament die historischen und poetischen BĂŒcher der Lutherbibel mit den ProphetenbĂŒchern und Apokryphen der Froschauer-Bibel und fĂŒgte noch den Laodizenerbrief hinzu. Der Buchdrucker Christian Egenolph druckte ebenfalls 1534 in Frankfurt am Main eine Lutherbibel, die im Apokryphen-Teil nur die Weisheit Salomos, Jesus Sirach und das 1. Buch der MakkabĂ€er im Wortlaut der Lutherbibel enthielt, die ĂŒbrigen Schriften aber mit der Bibel von Stayner teilte â inklusive den Laodizenerbrief. Der Frankfurter Hieronymus Feyerabend druckte 1569 eine Lutherbibel mit 3. und 4. Buch Esra in der Ăbersetzung von Johann Heyden.cite-ref-86[86]
Bibelgebrauch im Konfessionellen Zeitalter (1555 bis 1648)
Zum Autographensammeln in Bibeln: siehe Dresdner Reformatorenbibel.
Als Konfessionelles Zeitalter wird die Zeit zwischen dem Augsburger Reichs- und Religionsfrieden (1555) bis zum WestfÀlischen Frieden (1648) bezeichnet.
In der frĂŒhen lutherischen Orthodoxie wurde die Bibel mit den Fragestellungen der Dogmatik gelesen. Durch hĂ€ufigen Nachdruck konnten sich relativ viele Menschen nun eine eigene Bibel leisten. Man las die Bibel von vorn nach hinten durch; der Braunschweiger Amtmann Johann Camman z. B. 28-mal.cite-ref-87[87] Den Rekord diesbezĂŒglich hielt der Jurist Benedikt Carpzov der JĂŒngere (53-mal). Ein Mann aus Wittenberg, der den kompletten Bibeltext auswendig rezitiert haben soll, erhielt ohne Theologie-Studium den Magister-Titel.cite-ref-88[88]
Barockmusiker machten Texte aus der Lutherbibel zur Grundlage ihrer Kompositionen. Ein Beispiel dafĂŒr sind die Psalmen Davids (1619) von Heinrich SchĂŒtz. Er interpretierte dabei Luthers Bibelprosa mit den Mitteln des italienischen Madrigals.
Durch das Herumtragen der Bibeln im Alltag konnten diese zu einer Art evangelische Reliquien werden. Bekannt ist etwa die NĂŒrtinger Blutbibel, Eigentum eines 1634 von spanischen Soldaten ermordeten Pfarrers. Das Buch gelangte mit Blutflecken und Degenspuren 1787 in die Bibliothek des Herzogs Carl Eugen.cite-ref-89[89]
Die kursÀchsische Normbibel von 1581
Zur Weimarer Lutherbibel Herzog Ernsts des Frommen (1641): siehe KurfĂŒrstenbibel.
Da Luther die Bibel immer wieder ĂŒberarbeitete, waren von Anfang an verschiedene Textversionen in Umlauf. Nach Luthers Tod verstĂ€ndigten sich die lutherischen Landesherren darauf, einen kanonischen Bibeltext festzustellen auf Grundlage der letzten von Luther autorisierten Fassung von 1545 (und nicht der Notizen Georg Rörers von 1546). Der komplizierte Abgleich mehrerer Bibeldrucke ergab 1581 die kursĂ€chsische Normbibel; Kurbrandenburg, das Herzogtum WĂŒrttemberg und Braunschweig schlossen sich an.cite-ref-90[90] Ein Frankfurter Drucker erweiterte 1581 den Text von 1 Joh 5,7â8 um das Comma Johanneum; eine Ănderung, die in den folgenden Jahrzehnten in alle Lutherbibeln ĂŒbernommen wurde, da es sich um einen willkommenen Schriftbeweis fĂŒr die TrinitĂ€t handelte.
Bibelgebrauch im Pietismus (~1650 bis ~1820)
â
Hauptartikel
:
Pietismus
Zur BrĂŒdergemeine: siehe Herrnhuter Losungen.
Die in der zweiten HĂ€lfte des 17. Jahrhunderts entstandene und bis zum Ende ihrer BlĂŒtezeit im frĂŒhen 19. Jahrhundert im deutschen Protestantismus weit verbreitete pietistische Bewegung war von ihren Grundlagen her eine Bibellesebewegung; anstelle der ĂŒblichen Perikopen in der von lutherischer Orthodoxie geprĂ€gten Liturgie und Unterricht sollten biblische Schriften ganz gelesen werden (tota scriptura). Anleitungen, wie man sich zum Bibellesen richtig vorbereitet, waren die wichtigste Hilfestellung, die pietistische Autoren ihrer Lesergemeinde anboten. Die Vorreden Luthers verschwanden deshalb aus den Bibeln der Cansteinschen Bibelanstalt und wurden ersetzt durch Franckes âKurzen Unterricht, wie man die Heilige Schrift zu seiner wahren Erbauung lesen solleâ.
Bibeln des spĂ€ten 17. und frĂŒhen 18. Jahrhunderts enthielten hĂ€ufig LeseplĂ€ne (Calendarien), die dazu anleiteten, die Bibel im Lauf eines Jahres von vorn nach hinten ganz durchzulesen â tĂ€glich drei oder vier Kapitel. Ein recht kompliziertes System bot die Bibelausgabe von Abraham Calov, die âdas gĂŒldne Psalter-BĂŒchleinâ sowie die SprĂŒche Salomos mit der kursorischen Bibellese kombinierte, damit Psalmen und SprĂŒche sich durch hĂ€ufige Wiederholung mehr einprĂ€gten.cite-ref-91[91] Calovs Ausgabe war darĂŒber hinaus mit Kommentaren des Herausgebers versehen.
Auch Johann Sebastian Bach besaĂ eine solche Calov-Bibel; sie ist eines der wenigen Objekte aus seinem persönlichen Besitz, die bis heute erhalten geblieben sind.cite-ref-92[92] So wie Bach machten auch andere Bibelleser in ihrem Exemplar Eintragungen. Manche erinnern an âGeburts-, Heirats- und Sterbedaten, aber auch besondere Ereignisse wie Krankheit, Krieg oder Katastrophen.âcite-ref-1-93-0[93]
Schon Luther hatte zum Zweck der Leserlenkung zahlreiche Verse, die Kernstellen,cite-ref-94[94] im Druck hervorgehoben: ein Alleinstellungsmerkmal unter den deutschen Bibeln. In Halle ĂŒbernahm man diese Besonderheit der Lutherbibel, aber man markierte jetzt andere Stellen und aus einem anderen Grund: zeitlos gĂŒltige Worte, die den Leser direkt ansprechen sollten.
Der Stuttgarter Hofprediger Johann Reinhard Hedinger veröffentlichte 1704 eine umstrittene Lutherbibel-Edition.cite-ref-95[95] Viele Jahre spĂ€ter kamen die von ihm im Bibeltext als Kernstellen markierten Verse zu groĂer Wirkung, da sie weitgehend in die Lutherbibel von 1912 ĂŒbernommen wurden.cite-ref-96[96] Im Sinne des wĂŒrttembergischen Pietismus sind Kernstellen Bibelverse, âdie in Gottes Heilsrat und in Herz und Gewissen besonders hell und krĂ€ftig hineinleuchtenâ.cite-ref-0-97-0[97] Der Kontext, in dem diese SĂ€tze stehen, spielt keine groĂe Rolle. FĂŒr die Lutherbibel 2017 hat man den Kernstellenbestand ĂŒberarbeitet und reduziert; die pietistische Tradition, Verse aus dem Kontext auszugliedern und der unmittelbaren Rezeption anzubieten, wurde aber beibehalten.cite-ref-98[98]
Das âBibelorakelâ war in verschiedenen pietistischen Gruppen verbreitet, und zahlreiche Selbstzeugnisse berichten darĂŒber, wie Menschen bei Lebensfragen in der Bibel eine persönliche Offenbarung suchten:
âą DĂ€umeln: mit dem Daumen ĂŒber den Buchblock streichen (eine von Philipp Jacob Spener gern genutzte Methodecite-ref-99[99]),
âą Nadeln: seitlich in den Buchblock hineinstechen,
um dann die Bibel absichtslos an der bezeichneten Stelle zu öffnen und zu lesen.cite-ref-100[100]
â
Hauptartikel
:
Bibelstechen
Die Bibeldrucke der Cansteinschen Bibelanstalt
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts sah sich die Cansteinsche Bibelanstalt in Halle veranlasst, zunĂ€chst einmal den Text zu sichern und zu bereinigen, bevor sie ab 1714 durch den Druck im Stehsatzverfahren Bibeln in sehr groĂer Menge zu besonders gĂŒnstigen Preisen unters Volk brachte. Man besorgte sich Originaldrucke aus Wittenberg, die zu Luthers Lebzeiten erschienen waren, und kollationierte daraus einen Mischtext, einen âFleckerlteppich an Wortlauten und Begriffen unterschiedlicher Ăberlieferungsstufen Luthersâ, der aber den Vorteil hatte, viele von den Druckern weitergeschleppte Textverderbnisse beseitigt zu haben, fast 100 % Luther-Wortlaut zu enthalten und auĂerdem möglichst urtexttreu zu ĂŒbersetzen.cite-ref-101[101] Denn die Pietisten lasen die hebrĂ€ischen und griechischen Texte und hatten mit einiger NervositĂ€t entdeckt, dass Luther sich beim Ăbersetzen Freiheiten genommen hatte. Der pietistische Theologe August Hermann Francke (1663â1727) wĂŒnschte sich darĂŒber eine offene Diskussion:
â⊠so hoch ich auch die Version Lutheri ⊠halte / dennoch dieselbige an vielen Orten mit dem Grund-Text nicht ĂŒberein stimme / und gar sehr verbessert werden könne.âcite-ref-102[102]
Die Bibeln aus der Cansteinschen Bibelanstalt galten im 18. Jahrhundert als die besten.
Die Bibel als Hausbuch
Die Lutherbibel wurde auf dem Lande wie ein MöbelstĂŒck als Teil des Hofinventars behandelt. Sie war, neben dem Gesangbuch, bis weit ins 19. Jahrhundert die wichtigste LektĂŒre. Zum Lesen stand allerdings nur wenig freie Zeit zur VerfĂŒgung. âLesen hieĂ [âŠ] intensive, immer wiederholte Durchsicht [âŠ] von Texten, mit denen man seit der Schulzeit vertraut war, die man sich akustisch wie optisch lĂ€ngst eingeprĂ€gt hatte, [âŠ] war Wiedererkennen im psychisch stabilisierenden Nachvollzug.âcite-ref-103[103]
Die Bibel als Schulbuch
Das Schulbuch in lutherischen Territorien war traditionell nicht die Bibel, sondern der Kleine Katechismus, plus ein Pensum BibelsprĂŒche zum Memorieren. PreuĂen versuchte 1763 im Generallandschulreglement das Niveau des Unterrichts zu heben, auch durch verbindliche SchulbĂŒcher, unter anderem: âdas Neue Testament, die Gebets-Uebung genannt [d. h. ein NT mit eingeschobenen Gebeten], ⊠hienĂ€chst die HĂ€llische [d. h. Cansteinsche] oder Berlinische Bibelâ (§ 20). Wichtig war, âdaĂ ein jedes Kind sein eigenes Buch habeâ; sollten die Eltern arm sein, wurden die BĂŒcher von der Schule gestellt, durften aber nicht nach Hause genommen werden (§ 21). Die âfertigen Lese-Kinderâ sollten in einer Schulstunde tĂ€glich reihum aus der Bibel vorlesen (§ 19), die jĂŒngeren SchĂŒler ĂŒbten unterdessen in einer Fibel das Buchstabieren. Allerdings war der Schulbesuch vielerorts sporadisch, die Analphabetenquote deshalb hoch.
Lutherbibeln vom 19. Jahrhundert bis zur Revision von 1912
Anfang des 19. Jahrhunderts waren 14 verschiedene Versionen der Lutherbibel im Umlauf, da diese von verschiedenen Bibelgesellschaften gedruckt wurden. Die Frankfurter Bibelgesellschaft z. B. veröffentlichte 1819 eine von Johann Friedrich von Meyer erarbeitete, anhand der damaligen Urtexte korrigierte Version. Der Hamburger Hauptpastor Carl Mönckeberg (1807â1886) setzte sich 1855 aufgrund der hohen Anzahl an Ausgaben fĂŒr eine einheitliche und sprachlich modernisierte Textfassung ein.
Schulbibeln
Das Pensum auswendig zu lernender Bibelverse war im 19. Jahrhundert unterschiedlich: in Sachsen 150, in PreuĂen 180, in WĂŒrttemberg 689.cite-ref-104[104] Unter dem Einfluss der Erweckungsbewegung gab es ab etwa 1830 Bestrebungen, die Bibel auch thematisch im Unterricht zu verwenden, trotz ihrer nicht kindgerechten Sprache und mitunter nicht kindgerechten Inhalte. Da in einem heiligen Buch nicht Teile als unwichtig erscheinen durften, verbot PreuĂen mehrfach den Gebrauch von Auswahlbibeln und blieb damit seinem neoorthodox-pietistischen BibelverstĂ€ndnis treu. Die Bremer Bibelgesellschaft entwickelte eine Lutherbibel unter Auslassung âanstöĂigerâ Stellen (d. h. das Buch wurde desexualisiert und dejudaisiert).cite-ref-105[105] Nach anfĂ€nglichen Bedenken wurde die Bremer Schulbibel 1895 in Bremen eingefĂŒhrt, 1897 in Hamburg, 1900 in LĂŒbeck. WĂŒrttemberg zog 1901 mit einem Biblischen Lesebuch nach.
Traubibeln
Um 1870, in WĂŒrttemberg frĂŒher, breitete sich in der Pastorenschaft die Idee aus, jedem Brautpaar seitens der Kirchengemeinde eine besondere Bibel zu schenken, die den Vordruck fĂŒr eine Familienchronik enthielt. (Das macht diese BĂŒcher zu einer genealogischen Quelle.cite-ref-1-93-1[93]) âDie wohlfeilsten Ausgaben dieser âTraubibelnâ in gutem Lederband mit vergoldetem Kreuz und Kelch kosten in Mittel-Oktav 20 Sgr.âcite-ref-106[106]
Altarbibeln
Im 19. Jahrhundert wurden Bibellesungen im Gottesdienst vom Altar aus vorgetragen, als feierlicher Gesang, spĂ€ter meist gesprochen. Dass die offene Bibel dauerhaft mitten auf dem Altar ihren Platz hatte, wurde von Wilhelm Löhe um 1860 als beliebte, doch zum Lesen unpraktische Neuerung eingestuft.cite-ref-107[107] Kaiserin Auguste Viktoria schenkte neu gegrĂŒndeten Gemeinden zur Kirchweihe ein von ihr signiertes, wertvolles Exemplar.cite-ref-108[108] Vielerorts liegen diese sogenannten Auguste-Viktoria-Bibeln bis heute auf dem Altar, obwohl daraus nur noch selten gelesen wird.
Der alte Luthertext bei Thomas Mann
Thomas Mann war im konfessionellen Luthertum sozialisiert worden, worauf er sich auch immer wieder bezogen hat. In dem vierbĂ€ndigen Romanwerk Joseph und seine BrĂŒder (1926â1943) benutzte er âzurĂŒckhaltend, aber unĂŒberhörbarâ Luthers Bibelprosa.cite-ref-109[109] AuĂerdem werden Bibelverse an markanten Stellen im Wortlaut zitiert; die Lutherbibel âfungiert fĂŒr die SelbsterlĂ€uterung des Textes als maĂgeblicher Subtextâ;cite-ref-110[110] dies freilich von einem humoristischen ErzĂ€hlerstandpunkt aus. Als Quelle diente Mann nicht der revidierte Text von 1912, sondern eine Ă€ltere Textfassung, auĂerdem ein Reprint der Biblia Deudsch; diesen archaischen Klang der Lutherbibel brachte er in Beziehung zu der Verdeutschung der Schrift (Buber/Rosenzweig) sowie zu moderner Bibelwissenschaft und Ăgyptologie.
Die Lutherbibel bei tÀuferischen Gemeinschaften in Nordamerika
Die Glaubensgemeinschaft der Amischen ist bilingual: neben Englisch wird Pennsylvania Dutch gesprochen. Als Heilige Schrift lesen die Amischen aber privat und im Gottesdienst traditionell die Lutherbibel in einer Textgestalt des 19. Jahrhunderts.cite-ref-111[111] Die von den Amischen im Selbstverlag nachgedruckten Bibeln enthalten die Apokryphen; ein Gebet aus dem apokryphen Buch Tobias (Tobit 8,1â8 ) wird bei amischen Hochzeiten gesprochen.cite-ref-112[112] Das Lutherdeutsch hat hier den Status einer heiligen Sprache, es wird zwar gelesen, aber nicht aktiv verwendet.cite-ref-113[113] Viele Schulen der Amischen bieten deutsche Sprachkurse an mit besonderem Augenmerk auf der Grammatik und dem Wortschatz Luthers.cite-ref-114[114] Das gleiche gilt fĂŒr Old Order Mennonites.cite-ref-115[115]
Die ersten tiefgreifenden Revisionen der Lutherbibel
Die Textfassung und Grammatik der Lutherbibel hatten sich im Gegensatz zu der sich entwickelnden deutschen Sprache seit dem 16. Jahrhundert kaum verÀndert. Trotzdem hatte sich das Problem der in Details voneinander abweichenden Ausgaben der verschiedenen Bibelgesellschaften allmÀhlich verschÀrft, und auch Druckfehler waren keine Seltenheit; daher entschied man sich, die Lutherbibel zu revidieren.cite-ref-117[117] Mitte des 19. Jahrhunderts vereinbarten die Bibelgesellschaften, eine verbindliche Textfassung der Lutherbibel zu schaffen. 1858 schlugen sie vor,
âą Luthers Satzbau beizubehalten,
âą seine Rechtschreibung vorsichtig zu modernisieren,
⹠veraltete Wörter in einem Glossar zu erklÀren und
âą bei den Stellen, die Luther eindeutig falsch ĂŒbersetzt hatte, in Perlschrift die korrekte Ăbersetzung unter Luthers Text zu setzen.cite-ref-118[118]
Die Eisenacher Konferenz der Kirchenleitungen beschloss 1863, diese Bibelrevision finanziell zu unterstĂŒtzen, die DurchfĂŒhrung aber den Bibelgesellschaften zu ĂŒberlassen, d. h. auf die Inhalte keinen Einfluss zu nehmen.
Lutherbibel von 1883
1867 erschien der Probedruck des revidierten Neuen Testaments und nach fast einstimmiger Zustimmung der Eisenacher Konferenz 1868 wurden weitere Bearbeitungen am Text gebilligt. 1870 war die Revision des Neuen Testaments abgeschlossen.cite-ref-6-119-0[119] 1883 erschien dann in Halle zum 400. Geburtstag Luthers die vollstĂ€ndige âProbebibelâ.cite-ref-4-120-0[120] De facto war sie Ergebnis einer Kooperation von Fachleuten aus Halle und Stuttgart: die ĂŒberarbeitete Bibelausgabe der Cansteinschen Bibelanstalt, ergĂ€nzt um die vielen Kernstellen der WĂŒrttembergischen Bibelgesellschaft. Die Reaktionen auf die Lutherbibel von 1883 waren allgemein positiv. Doch sie sollte nicht das Endprodukt der Revisionsarbeit sein, und sprachlich lag sie noch dem veralteten Luther-Wortlaut nĂ€her als dem damals aktuellen Deutsch. AuĂerdem wurde bei der Revision vorsichtig vorgegangen und nur wenige Textstellen wurden nach den kritischen Ausgaben des griechischen Neuen Testaments revidiert.cite-ref-5-8-1[8] Grund dafĂŒr war wohl die Tatsache, dass es sich um die erste offizielle textkritische Version der Lutherbibel handelte.cite-ref-6-119-1[119]
Lutherbibel von 1892
1890 stand dann der endgĂŒltige Text fest, und 1892 wurden die letzten Nachbearbeitungen abgeschlossen. Auch an den Apokryphen wurde gearbeitet.cite-ref-6-119-2[119] Das Ergebnis war die erste âkirchenamtlicheâ Revision der Lutherbibel, die nun in sprachlich und auch textkritisch ĂŒberarbeiteter Form vorlag.cite-ref-121[121] Als Urtext lag ihr zwar immer noch gröĂtenteils der traditionelle Textus receptus zugrunde, doch war die Ăberarbeitung im Vergleich zu frĂŒheren Revisionen deutlich tiefgreifender. Die Ausgabe von 1892 war somit die erste einheitliche Revision der Lutherbibel und das Produkt eines halben Jahrhunderts Revisonsarbeit und Erfahrung an der Lutherbibel.cite-ref-4-120-1[120]
Lutherbibel von 1912
Die Lutherbibel von 1892 bot zwar eine modernisierte Textfassung an, doch zwanzig Jahre spĂ€ter sah man es dennoch als notwendig an, eine weitere revidierte Version zu veröffentlichen. Im Auftrag der Evangelischen Kirchenkonferenz folgte 1912 die âzweite kirchenamtliche Revisionâ der Lutherbibel, die sich indes hauptsĂ€chlich auf eine sprachliche Modernisierung beschrĂ€nkte. Neue Erkenntnisse der Bibelwissenschaft und der biblischen Grundtextforschung fanden kaum BerĂŒcksichtigung.cite-ref-6-119-3[119] Im Dezember 1912 erschien das neu revidierte Neue Testament und 1913 die Gesamtausgabe. Die Apokryphen wurden ebenfalls bearbeitet. Aufgrund der folgenden politischen Entwicklungen in Deutschland kam es zu keinen weiteren Revisionen der Lutherbibel bis zur Nachkriegszeit. Obwohl WĂŒnsche nach einer deutlicheren Modernisierung laut wurden, gelangten entsprechende Planungen in der Kriegs- und Zwischenkriegszeit nicht zur DurchfĂŒhrung.
Gescheiterte Revisionsversuche (1921â1938) und die Probefassung des Neuen Testaments von 1938
Es gab ab 1921 neue PlĂ€ne fĂŒr eine zeitgemĂ€Ăe Erneuerung der Luthersprache, da die vorherigen zahlreichen Revisionen teils zu sprachlichen Abweichungen von der eigentlichen Biblia Deudsch von 1545 gefĂŒhrt hatten. Ziel war es, wieder mehr NĂ€he zu Luthers Werk zu erlangen, ohne dabei vom zeitgemĂ€Ăen Sprachgebrauch abzuweichen. 1928 begann man mit der Erarbeitung des Textes unter besonderer BerĂŒcksichtigung der Lutherbibel von 1545. Neu fĂŒr die Lutherbibel war der gewĂ€hlte Urtext des Neuen Testaments. Zum ersten Mal griff man ausschlieĂlich zu einer textkritischen Ausgabe des griechischen NT, nĂ€mlich Nestles 13. Edition des NT Graece von 1927. Die politische Lage im Dritten Reich sorgte jedoch fĂŒr starke Verzögerungen durch die Verwaltung der evangelischen Kirchenleitung, weswegen erst am Reformationstag 1937 ein Neues Testament mit Psalter vorgestellt werden konnte. Dieses Probetestament von 1938 stieĂ auf viel Kritik, und die Arbeiten an einer Revision gingen kriegsbedingt unter erschwerten Bedingungen weiter. In nur 50 Exemplaren fĂŒr den internen Gebrauch der Kommission wurde 1949 ein neues Probetestament gedruckt, verantwortet von den letzten drei Kommissionsmitgliedern: Georg Burghart, Gerhard Kittel und Gustav GroĂ. Darin findet sich â unkommentiert â eine TextĂ€nderung in Mt 28,19â20 : âDarum gehet hin und machet zu JĂŒngern alle Völker, indem ihr sie tauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und sie halten lehret alles, was ich euch befohlen habe.â Der bisherige Text der Lutherbibel (1545 bis 1912) lautete: âlehret alle Völkerâ und enthielt damit den Gedanken der christlichen Weltmission weniger deutlich. Die Ăbersetzung des transitiven Verbs altgriechisch ΌαΞηÏΔÏÏ mathÄteĂșĆ mit âzum JĂŒnger machenâ war damals unter Neutestamentlern weitgehend Konsens.cite-ref-122[122]
Das eklektische Neue Testament der Deutschen Christen: Die Botschaft Gottes von 1940
Am 6. Mai 1939 grĂŒndete die nationalsozialistische Gruppierung âDeutsche Christenâ auf der Wartburg in Eisenach das Institut zur Erforschung und Beseitigung des jĂŒdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben (âEntjudaisierungsinstitutâ), das sich unter anderem mit der âEntjudungâ der Bibel und der evangelisch-theologischen Ausbildung befasste. Der Direktor des Instituts war Walter Grundmann. Unter seiner Leitung wurde ein eklektisches, entjudaisiertes Neues Testament erarbeitet, das sich sprachlich an die Lutherbibel anlehnte. Das Projekt kam infolge des Zweiten Weltkriegs zum Stillstand.
â
Hauptartikel
:
Die Botschaft Gottes
Die Lutherbibel blieb somit bis 1956 unverÀndert in ihrer Gestalt von 1912.
Lutherbibeln nach Kriegsende 1945
Wegen des Papiermangels unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren die druckenden Bibelgesellschaften auf Spenden von Papier aus Amerika angewiesen, zu jener Zeit noch âmit der Auflage, dass davon nur Bibeln ohne Anmerkungen und ohne Apokryphen gedruckt werden durftenâ.cite-ref-123[123] Dies entsprach den damaligen GrundsĂ€tzen der British and Foreign Bible Society.cite-ref-124[124]
Die Lutherbibel von 1912 im 21. Jahrhundert
Die Lutherbibel ist in Ă€lterer Textgestalt, darunter in der Revision von 1912, nicht mehr durch das Urheberrecht geschĂŒtzt und kann daher im originalen Text oder mit einer verĂ€nderten Textform nachgedruckt oder in anderer Form weiterverbreitet werden, ohne dass eine Genehmigung erforderlich ist. Der Text dieser Ausgaben wird weiterhin nachgedruckt, z. B. in illustrierten Editionen. Verschiedene Internetportale bieten den Text zum Download an, auch fĂŒr das Smartphone gibt es Apps. Offiziell war die LB 1912 noch bis 2000 in der Neuapostolischen Kirche in Gebrauch. Viele russlanddeutsche Protestanten benutzen ebenfalls noch diese Ausgabe.cite-ref-6-119-4[119] Der Verlag La Buona Novella Inc. Bible Publishing House gab 1998 und 2009, 2016 und 2017 ĂŒberarbeitete Ausgaben heraus, die den Textus receptus als Textgrundlage haben. Die Ausgabe von 2017 wird unter dem Namen Luther21 vertrieben.cite-ref-11-125-0[125] Der Internationale Gideonbund verteilte frĂŒher die Lutherbibel mit dem Text von 1984, dann zeitweise Luther21 und seit 2019 eine Ausgabe des Neuen Testaments und der Psalmen auf Grundlage der Lutherbibel 1912, die von Personen aus dem Bibelseminar Bonn ĂŒberarbeitet wurde.cite-ref-126[126]
Lutherbibel von 1956 (NT) bzw. 1964 (AT)
Das Novum Testamentum Graece als wissenschaftliche Textausgabe ist die Grundlage der wichtigen modernen BibelĂŒbersetzungen weltweit und liegt auch allen Revisionsstufen der Lutherbibel nach 1912 zugrunde. 1952 kam eine Kommission unter Vorsitz von Hermann Strathmann zusammen,cite-ref-127[127] die die Revisionsarbeit am Neuen Testament abschlieĂen sollte und das Probetestament von 1949 vorliegen hatte. In dieser Kommission kam es zu Kontroversen, die den Erfolg des Projekts in Frage stellten. Jörg Lauster urteilt, dass Otto Dibelius die Revision âoffensichtlich nur durch einen Putsch rettenâ konnte: Er schloss die entschiedensten Modernisierer und Konservativen aus und ĂŒbernahm den Vorsitz selbst.cite-ref-128[128] Die synoptischen Evangelien und die Apostelgeschichte wurden von Erich Eichele und Walter Zimmermann revidiert; sie ĂŒbernahmen Mt 28,19â20 in der Fassung von 1949 (âmachet zu JĂŒngernâ), und diese im Raum des Luthertums neue Textfassung wurde in den Folgejahren in Taufagenden, Katechismen usw. ĂŒbernommen.cite-ref-129[129]
1956 wurde die Revision des Neuen Testaments abgeschlossen, das Alte Testament blieb identisch mit der Ausgabe von 1912/13. 1964 folgte die Revision des Alten Testaments. 1970 wurde die (sprachliche, nicht inhaltliche) Ăberarbeitung der Apokryphen abgeschlossen.
In den Revisionen nach 1912 gerieten besonders im Alten Testament klare FehlĂŒbersetzungen Luthers in den Blick, die seiner mangelnden Kenntnis der antiken und altorientalischen Welt zuzuschreiben waren. Beispiel:
Psalm 104, 18 ŚŚšŚŚ ŚŚŚŚŚŚ ŚŚŚąŚŚŚ ŚĄŚŚąŚŚ ŚŚŚĄŚ ŚŚ©Ś€Ś ŚŚŚ
LB 1912 Die hohen Berge sind der Gemsen Zuflucht, und die SteinklĂŒfte der Kaninchen.
LB 1964 Die hohen Berge geben dem Steinbock Zuflucht und die FelsklĂŒfte dem Klippdachs.
Lutherbibel von 1975
Bei der Revision von 1975 galt der Grundsatz, dass Formulierungen, die fĂŒr einen durchschnittlichen Bibelleser nicht verstĂ€ndlich waren, geĂ€ndert werden mĂŒssten.cite-ref-130[130] So wurde das geflĂŒgelte Wort âsein Licht nicht unter den Scheffel stellenâ (MatthĂ€us 5,15) getilgt, da der Scheffel als GetreidemaĂ heute unbekannt ist. Stattdessen hieĂ es nun âEimerâ, was der Erstauflage der 1975er-Ăbersetzung den Namen âEimertestamentâ eintrug. âDas Schicksal dieses Versuchs war in der Ăffentlichkeit besiegelt.âcite-ref-131[131] Diese Kritik an einer unglĂŒcklichen EinzelĂŒbersetzung trifft allerdings nicht die Eigenart der 1975er-Bibel.
Nach der These von Fritz Tschirch, der als Germanist die Revisionsarbeit prĂ€gte, war der besondere Satzbau der Lutherbibel schon von Luther selbst modernisiert worden und also nicht unantastbar; die Satzkonstruktionen sollten bei der Revision konsequent der gehobenen, lebendigen Gegenwartssprache angepasst werden. Die DurchfĂŒhrung dieses Programms griff tiefer in den Text ein als jede bisherige Revision, zumal auch bekannte Bibeltexte auf diese Weise eine Modernisierung erlebten.cite-ref-132[132] Das Ergebnis war die âkommunikativste Lutherbibel seit 1545â.cite-ref-133[133] Aber sie ĂŒberzeugte weder als Klassiker der deutschen Literatur noch als Bibel in modernem Deutsch. Schon 1977 beschloss der Rat der EKD die RĂŒcknahme von etwa 120 radikalen TextverĂ€nderungen.
Psalm 94,1
Im Psalm 94 wurde bei der Revision 1975 das biblische Motiv des âzornigen Gottesâ abgeschwĂ€cht:
LB 1545 bis 1956/64 HERR Gott des die Rache ist / Gott / des die Rache ist / erscheine
LB 1975 bis 1984 HERR, du Gott der Vergeltung, du Gott der Vergeltung, erscheine!
LB 2017 HERR, du Gott, des die Rache ist, du Gott, des die Rache ist, erscheine!
FĂŒr hebrĂ€isch Ś Ö°Ś§ÖžŚÖžŚ nÉqÄmÄh bietet Gesenius die Ăbersetzungen âRache, Vergeltungâ an.cite-ref-135[135] Mit dem Motiv Mehr Luther, einer RĂŒcknahme âunnötigerâ sprachlicher Modernisierungen, wurde diese Ănderung in der Revision von 2017 zurĂŒckgenommen.
Judas 1,4b
Eine fĂŒr die Christologie wichtige TextĂ€nderung findet sich im Judasbrief:
NT Graece: áŒÏΔÎČΔáżÏ, ÏᜎΜ ÏοῊ ΞΔοῊ áŒĄÎŒáż¶Îœ ÏÎŹÏÎčÏα ΌΔÏαÏÎčΞÎΜÏÎ”Ï Î”áŒ°Ï áŒÏÎλγΔÎčαΜ Îșα᜶ Ï᜞Μ ÎŒÏÎœÎżÎœ ΎΔÏÏÏÏηΜ Îșα᜶ ÎșÏÏÎčÎżÎœ áŒĄÎŒáż¶Îœ ጞηÏÎżáżŠÎœ ΧÏÎčÏÏ᜞Μ áŒÏÎœÎżÏÎŒÎ”ÎœÎżÎč.cite-ref-136[136]
LB 1545 bis 1956/64 Die sind Gottlose, ziehen die Gnade unsers Gottes auf Mutwillen und verleugnen Gott und unsern Herrn Jesus Christus, den einigen Herrscher.cite-ref-137[137]
LB 1975 Gottlose sind sie, missbrauchen die Gnade unseres Gottes fĂŒr ihre Ausschweifung und verleugnen unsern alleinigen Herrscher und Herrn Jesus Christus.cite-ref-138[138]
Lutherbibel von 1984
Mit der Revision des Neuen Testaments 1981 bis 1984 wurde ein Team von evangelischen Theologen und Sprachwissenschaftlern beauftragt; der katholische Neutestamentler Rudolf Schnackenburg wirkte beratend mit.cite-ref-139[139] Den Vorsitz der Kommission hatte Oberkirchenrat Ernst Lippold inne, Abteilungsleiter fĂŒr VerkĂŒndigung, kirchliche Dienste und Werke im Kirchenamt der EKD.cite-ref-140[140] âGrob gerechnet sind 1984 von 10 Ănderungen, die 1975 in den Text eingetragen wurden, etwa 6 der Sache nach zurĂŒckgenommen, 4 in der einen oder andren Form akzeptiert worden.âcite-ref-141[141]
Die Mitarbeiter der 1984er-Revision entdeckten den rhetorisch wirkungsvollen Satzbau Luthers als besondere Ăbersetzungsleistung. Die 1975er-Revision hatte viele lĂ€ngere SĂ€tze Luthers in zwei oder drei kĂŒrzere SĂ€tze umgewandelt, aber der Inhalt wurde dadurch nicht besser verstĂ€ndlich. Die Inkonsequenz der 1984er-Revision war zugleich ihre StĂ€rke: Der Wortlaut bekannter Texte wurde nicht angerĂŒhrt, aber an vielen anderen Stellen verabschiedete man sich rigoros vom Luthertext.
Die Lutherbibel von 1984 stammt aus einer Zeit, in der viele evangelische Gemeinden Gottesdienste in neuer Form feierten. Es gab damals den Wunsch, bei den Einsetzungsworten nicht den Mischtext der liturgischen BĂŒcher zu verwenden, sondern direkt mit der aufgeschlagenen Bibel das Abendmahl feiern zu können. Aber damit der Text auch vertraut klang, erhielt 1 Kor 11,24 einen Wortlaut, der sich ausschlieĂlich auf die alte koptische Ăbersetzung stĂŒtzen konnte:cite-ref-142[142]
1 Korinther 11,24b
NT Graece: ÏοῊÏÏ ÎŒÎżÏ áŒÏÏÎčΜ Ï᜞ Ïáż¶ÎŒÎ± Ï᜞ áœÏáœČÏ áœÎŒáż¶ÎœÂ·cite-ref-143[143]
LB 1545 bis 1956 (nach dem Textus Receptus) Das ist mein Leib / der fĂŒr euch gebrochen wird.
LB 1984 Das ist mein Leib, der fĂŒr euch gegeben wird.
LB 2017 (nach dem NT Graece): Das ist mein Leib fĂŒr euch.
Das re-revidierte Neue Testament wurde 1984 zum Gebrauch angenommen, war erfolgreich und beendete die langjÀhrige Krise um die Bibelrevision. Die Textgestalt des Alten Testaments in der Lutherbibel von 1984 entsprach (mit kleinen Korrekturen 1975) dem Forschungsstand von 1964.
Bei der Revision von 1984 wurde der Text an manchen Stellen aus inhaltlichen GrĂŒnden geĂ€ndert. Kritiker sahen darin einen Einfluss liberaler Theologie. In der LB 1984 wurde zum ersten Mal berĂŒcksichtigt, dass Frauen sich beim Lesen des traditionellen Luthertextes nicht als Adressatinnen des Bibelworts angesprochen fĂŒhlen konnten. Ein Beispiel:
1. Korinther 16,13
NT Graece: ÎÏηγοÏΔáżÏΔ, ÏÏÎźÎșΔÏΔ áŒÎœ Ïáż ÏÎŻÏÏΔÎč, áŒÎœÎŽÏίζΔÏΞΔ, ÎșÏαÏαÎčοῊÏΞΔ.cite-ref-144[144]
LB 1545 Wachet, stehet im glauben, seyd mÀnnlich, und seyd stark!
LB 1984 bis 2017 Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark!
Das Wörterbuch von Bauer/Aland bietet fĂŒr altgriechisch áŒÎœÎŽÏÎŻÎ¶ÎżÎŒÎ±Îč andrĂzomai die Ăbersetzung: âsich mannhaft zeigenâ.cite-ref-145[145] Daher muss âseid mutigâ als freie Ăbersetzung bezeichnet werden. Von der Bedeutung der Textaussage kann aber durchaus ein âmutigesâ Handeln gemeint sein, so wie es auch kommunikativ ĂŒbersetzt wurde und in der Theologie behandelt wird. Leser, die philologisch genaue Ăbersetzungen bevorzugen, kritisieren jedoch diese Wortwahl. (Diese Textstelle blieb in der Revision von 2017, die sich mit Fragen geschlechtsneutraler Ăbersetzung intensiver befasste, unverĂ€ndert.)
Schreibung biblischer Namen
AnlĂ€sslich der 1984er-Revision wurde auch die Schreibung biblischer Namen neu geregelt. Die 1975er-Revision hatte die ökumenische Schreibung biblischer Eigennamen ĂŒbernommen; die 1984er-Lutherbibel bot bei vielen Namen wieder die traditionelle Form: Nazareth statt Nazaret, Kapernaum statt Kafarnaum, Hesekiel statt Ezechiel, Hiob statt Ijob.
Nachrevision von 1999
1999 wurden anlĂ€sslich der Umstellung auf die neue Rechtschreibung kleinere VerĂ€nderungen an der Lutherbibel vorgenommen. Die wichtigste ist die weitgehende Ersetzung von âWeibâ durch âFrauâ nach dem Vorbild der evangelischen Agenden. AuĂerdem wurde bei den Landkarten die Bezeichnung âPalĂ€stinaâ durch âDas Land der Bibelâ ersetzt.
Lutherbibel von 2017
Was 2010 als âDurchsichtâ begonnen wurde,cite-ref-147[147] entwickelte sich zu einer kompletten Revision. So entstand erstmals seit 1912 im Auftrag der EKD eine einheitliche Revision der Lutherbibel nach einheitlichen Kriterien. Vorrangig sollte die Ăbersetzung an den Urtexten ĂŒberprĂŒft werden. Gleichzeitig sollte verhindert werden, dass radikale Ănderungen vorgenommen werden, wie bei der ZĂŒrcher Bibel 2006.cite-ref-148[148] Darum wurde vorgegeben, âdas besondere Profil dieser Theologie und Kirche, Frömmigkeit und Kultur prĂ€genden Verdeutschung zu wahrenâ.cite-ref-149[149] Im Verlauf der Arbeit zeigte sich, dass der Zustand des Textes schlechter war als gedacht: viele zwischen 1964 und 1984 vorgenommene Ănderungen waren nicht an den Urtexten ĂŒberprĂŒft worden.cite-ref-150[150] Das gewĂ€hlte, konservative Verfahren verhinderte in den meisten FĂ€llen zufĂ€llige und wechselnde Mehrheiten und verhinderte weitergehende ĂnderungswĂŒnsche.cite-ref-151[151]
âą Etwa 50 Exegeten prĂŒften jeweils eine Schrift bzw. Schriftengruppe der LB 1984 versweise.
âą In einem von sechs Exegeten-Teams, jeweils fĂŒr eine Schriftengruppe (entsprechend den sechs Teilen der ersten Gesamtausgabe von 1534), wurden ĂnderungsvorschlĂ€ge diskutiert und weiterentwickelt.
âą Der Rat der EKD, welcher ĂŒber den Fortgang der Arbeit informiert wurde, setzte einen Lenkungsausschuss ein, um ĂŒber die ĂnderungsvorschlĂ€ge zu entscheiden. Dieser sollte die Einheitlichkeit und den vertrauten Klang der Lutherbibel gewĂ€hrleisten. DurchgĂ€ngig verglichen wurden die Ăbersetzungsentscheidungen der reformierten ZĂŒrcher Bibel 2006 und der katholischen EinheitsĂŒbersetzung. Als Wissenschaftler gehörten zur Endredaktion: Martin Karrer (Neues Testament), Christoph Levin (Altes Testament), Martin Rösel (Apokryphen), Corinna DahlgrĂŒn (Liturgik), Werner Röcke (Germanistik). Von der EKD wurden entsandt: Johannes Friedrich, Gerrit Noltensmeier, Thies Gundlach. Die Deutsche Bibelgesellschaft war vertreten durch Hannelore Jahr und Annette Graeber.
Aufwertung der Apokryphen
Die wichtigste Aufgabe war die Etablierung eines verlĂ€sslichen Grundtextes der Apokryphen des Alten Testaments.cite-ref-152[152] Bis 1970 lagen noch die nach heutigen MaĂstĂ€ben schlechten, teilweise gar nicht mehr genau identifizierbaren Vulgata- und Septuaginta-Editionen des 16. Jahrhunderts der Ăbersetzung zugrunde. Das hatte auch zu einer von der EĂ abweichenden Kapitel- und VerszĂ€hlung gefĂŒhrt. Damit standen die LB-Apokryphen wissenschaftlich und ökumenisch im Abseits. Dies wurde mit der LB 2017 beendet. Die BĂŒcher Judit, Tobias, Jesus Sirach, 1. MakkabĂ€er, âStĂŒcke zu Esterâ und das Gebet Manasses wurden neu aus den wissenschaftlichen Septuaginta-Editionen ĂŒbersetzt. Eine dem Lutherdeutsch angenĂ€herte Sprache sollte gewĂ€hrleisten, dass die Apokryphen stilistisch zum Rest der Bibel passen.cite-ref-153[153] Insgesamt weicht die Revision 2017 in etwa 44 % der Verse von der 1984er-Version ab;cite-ref-154[154] die meisten Ănderungen finden sich in den Apokryphen.
Mehr Luther
âIm 16. Jahrhundert war Luthers Sprache modern. Heute ist sie auĂeralltĂ€glich. Sie trifft einen Nerv von Religion, wenn Religion die Begegnung mit dem AuĂeralltĂ€glichen meint. Viele Leserinnen und Leser ⊠sind gerade von diesem auĂeralltĂ€glichen Sprachklang beeindruckt. Das bedeutet freilich, dass wir, um Luther insgesamt gerecht zu werden, neben der Lutherbibel auch moderne Ăbersetzungen brauchen âŠâ
â
Martin Karrer
Die Revision nahm viele sprachliche Ănderungen der LB 1984 zurĂŒck. Der Text wurde dadurch (z. B. in den Paulusbriefen) schwerer verstĂ€ndlich. Die Lutherbibel gilt als Kulturgut und einigendes Band der evangelischen Christenheit; sie ist aber keine Bibel, die fĂŒr alle Milieus, Altersgruppen und Situationen die am besten geeignete Ăbersetzung sein soll.cite-ref-156[156] Diesem Anspruch hatten sich noch die Bearbeiter von 1984 gestellt.
An einigen Stellen kehrt die Revision 2017 zu Luthers Wortlaut von 1545 zurĂŒck. Dahinter steht meist ein Paradigmenwechsel in der alttestamentlichen Exegese: Dort, wo der masoretische Text schwer verstĂ€ndlich ist, hatte die Exegese des 20. Jahrhunderts gern durch Konjektur einen vermeintlich besseren Text hergestellt oder sie war auf die Septuaginta ausgewichen. Heute dagegen fokussiert man sich mehr auf den masoretischen Text, wie es Luther zu seiner Zeit genauso machte.cite-ref-157[157]
Ăber die archaischen Wörter hinaus, von denen bei jeder Revision einige entfernt wurden, enthĂ€lt die Lutherbibel zahlreiche Wörter, bei denen ein Bedeutungswandel eingetreten ist, den der heutige Leser nicht bemerkt. Wenn z. B. Jesus DĂ€monen âbedrohteâ und diese daraufhin ausfuhren, so nimmt der heutige Leser an, Jesus habe den DĂ€monen Strafen in Aussicht gestellt; gemeint ist aber, dass er sie âtadelteâ (áŒÏÎčÏÎčÎŒÎŹÏ)cite-ref-158[158]: er âfuhr sie anâ (vgl. Mk 1,25 und öfter). FĂŒr die Kommission war es eine Gratwanderung, wie weit solche leichten MissverstĂ€ndnisse toleriert und der historische Wortlaut erhalten werden sollte oder daraus abwegige Fehldeutungen entstĂ€nden, die verhindert werden mĂŒssten. Dies war im GesprĂ€ch zwischen Theologie und Germanistik zu klĂ€ren; oft konnte die Germanistik allerdings keine Hilfestellung leisten, weil nicht genau bekannt war, wie Luthers Zeitgenossen ein Wort oder eine Formulierung verstanden. âAus diesem Grund bewegte sich die Arbeit teilweise im Bereich der Intuition.âcite-ref-159[159]
ĂbersetzungsĂ€nderungen
Dass der Lutherbibel die besten wissenschaftlichen Urtexteditionen zugrunde liegen sollen, war Konsens aller Revisionen seit 1912; in der Umsetzung scheute man sich aber, Ănderungen an bekannten Texten vorzunehmen. Hier stellt sich die Revision von 2017 klarer zum NT Graece. Dadurch kommt es zu teils ungewohnten Formulierungen. Aus dem âSeesturmâ (Mt 8,24 ) wurde 2017, dem griechischen Text genau entsprechend, ein Beben im Meer (ÏΔÎčÏÎŒáœžÏ áŒÎœ ÏῠΞαλΏÏÏáż).cite-ref-160[160] Keine andere Bibel ĂŒbersetzt so; die Ănderung war in der Kommission lange umstritten. Erreicht wurde damit, dass das eschatologische Profil des MatthĂ€usevangeliums deutlicher wird: âDie Sturmstillungsgeschichte hat MatthĂ€us mit den krĂ€ftigen Farben des Weltuntergangs gemalt.âcite-ref-161[161]
Weitere Beispiele aus dem Neuen Testament:
MatthÀus 6,1a
NT Graece: Î ÏÎżÏÎÏΔÏΔ [ÎŽáœČ] ÏᜎΜ ÎŽÎčÎșαÎčÎżÏÏΜηΜ áœÎŒáż¶Îœ Όᜎ ÏÎżÎčΔáżÎœ áŒÎŒÏÏÎżÏΞΔΜ Ïáż¶Îœ áŒÎœÎžÏÏÏÏΜ ÏÏáœžÏ Ï᜞ ΞΔαΞáżÎœÎ±Îč αáœÏÎżáżÏcite-ref-162[162]
Textus receptus: ÏÏÎżÏΔÏΔÏΔ ÏηΜ Î”Î»Î”Î·ÎŒÎżÏÏ
ΜηΜ Ï
ÎŒÏΜ Όη ÏÎżÎčΔÎčΜ ΔΌÏÏÎżÏΞΔΜ ÏÏΜ αΜΞÏÏÏÏΜ ÏÏÎżÏ ÏÎż ΞΔαΞηΜαÎč αÏ
ÏÎżÎčÏcite-ref-163[163]
LB 1545 Habt acht auff ewer Almosen / das Jr die nicht gebt fur den Leuten / das jr von jnen gesehen werdet.
LB 1912 Habt acht auf eure Almosen, daĂ ihr die nicht gebet vor den Leuten, daĂ ihr von ihnen gesehen werdet.
LB 1984 Habt Acht auf eure Frömmigkeit, dass ihr die nicht ĂŒbt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden.
LB 2017 Habt aber acht, dass ihr eure Gerechtigkeit nicht ĂŒbt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden.
Johannes 6,51
NT Graece: ⊠Îșα᜶ ᜠáŒÏÏÎżÏ ÎŽáœČ áœÎœ áŒÎłáœŒ ÎŽÏÏÏ áŒĄ ÏÎŹÏΟ ÎŒÎżÏ áŒÏÏÎčΜ áœÏáœČÏ ÏáżÏ ÏοῊ ÎșÏÏÎŒÎżÏ
ζÏáżÏ.cite-ref-164[164]
Textus receptus: ⊠ÎșαÎč Îż αÏÏÎżÏ ÎŽÎ” ÎżÎœ Î”ÎłÏ ÎŽÏÏÏ Î· ÏαÏΟ ÎŒÎżÏ
ΔÏÏÎčΜ ηΜ Î”ÎłÏ ÎŽÏÏÏ Ï
ÏÎ”Ï ÏÎ·Ï ÏÎżÏ
ÎșÎżÏÎŒÎżÏ
ζÏηÏcite-ref-165[165]
LB 1545: Vnd das Brot / das ich geben werde / ist mein Fleisch welchs ich geben werde / fur das Leben der Welt.
LB 1984: Und dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde fĂŒr das Leben der Welt.
LB 2017: Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch â fĂŒr das Leben der Welt.
Der Textus receptus verdoppelte die Formulierung âdas/welches ich geben werdeâ, und Luther ĂŒbersetzte entsprechend. Im NT Graece wurde der zweite Relativsatz gestrichen, weil die alten und wichtigen Textzeugen ihn nicht haben. Die Bearbeiter der Lutherbibel reagierten 1984 â aber indem sie den ersten, sicher bezeugten Relativsatz strichen und den zweiten erhielten. Hier geht die Revision von 2017 klar mit dem NT Graece. Der Gedankenstrich erlaubt es aber, den Satz weiterhin so zu verstehen, als stĂ€nde dort der vertraute Text von 1984.cite-ref-166[166]
Neue Perspektive auf Paulus
â
Hauptartikel
:
Neue Perspektive auf Paulus
Luther hat seine Rechtfertigungslehre bei Paulus gelernt. Aber nach jĂŒngeren Erkenntnissen der neutestamentlichen Forschung sind viele Exegeten der Meinung, Luthers Positionen seien theologisch voreingenommen und nicht vollkommen deckungsgleich mit denen des Paulus:cite-ref-167[167] Durch die Kategorisierung des Corpus Paulinum in âechteâ und âunechte Paulusbriefeâ mithilfe der historisch-kritischen Methode und durch neue Erkenntnisse der Judaismusforschung hat sich eine neue Quellengrundlage und ein neuer historischer Kontext fĂŒr die exegetische Erarbeitung des âhistorischen Paulusâ und seiner Adressaten ergeben, welche dann zu einer âNeuen Perspektive auf Paulusâ (NPP) und seine Theologie fĂŒhrte.cite-ref-168[168]cite-ref-169[169] Demnach werde in Luthers Römerbrief-Ăbersetzung die Argumentation des Paulus an einigen Stellen mit seinem eigenen, âlutherischenâ VerstĂ€ndnis ĂŒberblendet. âDas kann man genial nennen und man kann es falsch nennen. Auf jeden Fall bietet es nicht eine philologisch saubere Ăbersetzung der Bibel.âcite-ref-3-77-1[77] Aufgrund des Mottos Mehr Luther und der Uneinigkeit um die Neue Perspektive auf Paulus und folglich ihrer Ablehnung durch gröĂere evangelische Parteien, welche Luthers âalte Perspektiveâ als die paulinische sehen, vertritt die Lutherbibel von 2017 an den entscheidenden Stellen die alte und vertraute, aber zugleich interpretierende Ăbersetzung von Luther im Haupttext und die philologisch genauere, unvoreingenommenere Ăbersetzung in den FuĂnoten:
⹠Röm 1,17
⹠Röm 2,13
⹠Röm 3,21
⹠Röm 3,28
Juden gerechter werdende Sprache
Im Blick auf ihre Verwendung im Gottesdienst und Religionsunterricht wurde auch ĂŒberprĂŒft, welches Bild der jĂŒdischen Religion diese Bibel entwirft. Ein Beispiel: altgriechisch ÏÏ
ÎœÎ±ÎłÏγΟ synagĆgáž hat einen viel gröĂeren Bedeutungsumfang als das daraus abgeleitete Fremdwort Synagoge vermuten lĂ€sst, nĂ€mlich ein Ort, an dem sich etwas (z. B. Wasser) ansammelt, der Versammlungsraum von Juden oder Christen (vgl. Jak 2,2 ), die Synagogengemeinde, die gottesdienstliche Versammlung von Juden oder Christen, ĂŒberhaupt jede Menschenansammlung.cite-ref-170[170] Die Revision von 1956 machte in Offenbarung 2,9 aus Luthers Formulierung âdes Satans Schuleâ (ÏÏ
ÎœÎ±ÎłÏÎłáœŽ ÏοῊ ΣαÏαΜ៶) eine âSynagoge des Satansâ, eine antijudaistische VerschĂ€rfung des Textes, die erst 2017 korrigiert wurde.
Die wichtigste Ănderung findet sich im Römerbrief, wo Paulus sich dem Problem stellt, dass die Mehrheit des Judentums Christus ablehnt. Hier kehrte die Revision zu einer Formulierung Luthers zurĂŒck.
Römer 11,15 Δጰ Îłáœ°Ï áŒĄ áŒÏÎżÎČÎżÎ»áœŽ αáœÏáż¶Îœ ÎșαÏÎ±Î»Î»Î±ÎłáœŽ ÎșÏÏÎŒÎżÏ
, ÏÎŻÏ áŒĄ ÏÏÏÏληΌÏÎčÏ Î”áŒ° Όᜎ ζÏᜎ áŒÎș ΜΔÎșÏáż¶Îœ;cite-ref-171[171]
LB 1545 Denn so jrer verlust der Welt versĂŒnung ist / Was were das anders / denn das Leben von den Todten nemen?
LB 1892 bis 1984 Denn wenn ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt ist, was wird ihre Annahme anderes sein als Leben aus den Toten!cite-ref-14-172-0[172]
LB 2017 Denn wenn ihr Verlust Versöhnung der Welt ist, was wird ihre Annahme anderes sein als Leben aus den Toten!
Einfluss feministischer Theologie
â
Hauptartikel
:
Feministische Theologie
DarĂŒber hinaus wurde ĂŒberprĂŒft, wie Frauen in der Lutherbibel zur Sprache kommen; das Ziel war eine auch Frauen gerechter werdende Sprache. Die Lutherbibel 2017 Ă€nderte einige Stellen, wo Luther Formulierungen wĂ€hlte, die nach EinschĂ€tzung der Revisoren als diskriminierend gegenĂŒber Frauen und vom Urtext nicht gefordert seien, oder wo ihnen eine geschlechtsneutrale Wortwahl angemessen erschien. So z. B. in der ParadieserzĂ€hlung:cite-ref-173[173]
1. Mose 2,18 ŚŚÖŸŚŚŚ ŚŚŚŚȘ ŚŚŚŚ ŚŚŚŚ ŚŚąŚ©ŚÖŸŚŚ ŚąŚŚš ŚŚ ŚŚŚŚ
LB 1545 (Vnd Gott der HERR sprach) Es ist nicht gut das der Mensch allein sey / Jch wil jm ein GehĂŒlffen machen / die vmb jn sey.
LB 1984 Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.
LB 2017 Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.
Die FuĂnote von 1984 ist 2017 zum Haupttext geworden.
Eine weitere Ănderung findet sich im Römerbrief, wo in Röm 16,7 der Name âáŒžÎżÏ
ÎœÎŻÎ±Îœâ im Akkusativ Singular belegt ist. WĂ€hrend der Name jener Person, die als âberĂŒhmt unter den Apostelnâ bezeichnet wird, bei Luther als Junias (áŒžÎżÏ
ÎœÎŻÎ±Ï) mĂ€nnlich gedeutet wurde, gehen die Revisoren der LB 2017 von einer Apostelin namens Junia (áŒžÎżÏ
ΜÎčα) aus:
Römer 16,7 áŒÏÏÎŹÏαÏΞΔ áŒÎœÎŽÏÏΜÎčÎșÎżÎœ Îșα᜶ áŒžÎżÏ
ÎœÎŻÎ±Îœ ÏÎżáœșÏ ÏÏ
ÎłÎłÎ”ÎœÎ”áżÏ ÎŒÎżÏ
Îșα᜶ ÏÏ
ΜαÎčÏΌαλÏÏÎżÏ
Ï ÎŒÎżÏ
, ÎżáŒ”ÏÎčΜÎÏ Î”áŒ°ÏÎčΜ áŒÏÎŻÏÎ·ÎŒÎżÎč áŒÎœ ÏÎżáżÏ áŒÏÎżÏÏÏλοÎčÏ
LB 1545 GrĂŒsset den Andronicum vnd den Junian meine gefreundte / vnd meine Mitgefangene / welche sind berĂŒmpte Apostel [âŠ]
LB 1984 GrĂŒĂt Andronikus und Junias, meine Stammverwandten und Mitgefangenen, die berĂŒhmt sind unter den Aposteln [âŠ]
Lb 2017 GrĂŒĂt den Andronikus und die Junia, meine Stammverwandten und Mitgefangenen, die berĂŒhmt sind unter den Aposteln [âŠ]
Weitere Ănderungen des traditionellen Textes gehen nicht ĂŒber das hinaus, was z. B. in der revidierten EinheitsĂŒbersetzung oder der ZĂŒrcher Bibel auch zu finden ist, z. B. die Formulierung âBrĂŒder und Schwesternâ statt âBrĂŒderâcite-ref-174[174] immer dort, wo in der Apostelgeschichte und in den Briefen des Neuen Testaments nach dem TextverstĂ€ndnis der Exegeten die ganze Gemeinde gemeint ist. Aber âVĂ€terâ wurden nicht zu âVorfahrenâ und âSöhneâ nur dann zu âKindernâ, wenn bereits Luther so ĂŒbersetzt hatte.cite-ref-175[175]
Ăbersetzungsfehler
Eine ungewöhnliche Ănderung findet sich in Jesaja 3,12: Hier wurde bei einem einzelnen Vers spontan vom masoretischen Text auf die Septuaginta als Urtext gewechselt, ohne dies mit einer FuĂnote anzumerken:
Jesaja 3,12
LXX: λαÏÏ ÎŒÎżÏ
, ÎżáŒ± ÏÏÎŹÎșÏÎżÏÎ”Ï áœÎŒáż¶Îœ ÎșÎ±Î»Î±ÎŒáż¶ÎœÏαÎč áœÎŒáŸ¶Ï, Îșα᜶ ÎżáŒ± áŒÏαÎčÏÎżáżŠÎœÏÎ”Ï ÎșÏ
ÏÎčΔÏÎżÏ
ÏÎčΜ áœÎŒáż¶ÎœÂ· λαÏÏ ÎŒÎżÏ
, ÎżáŒ± ΌαÎșαÏÎŻÎ¶ÎżÎœÏÎ”Ï áœÎŒáŸ¶Ï ÏÎ»Î±Îœáż¶ÏÎčΜ áœÎŒáŸ¶Ï Îșα᜶ Ï᜞Μ ÏÏÎŻÎČÎżÎœ Ïáż¶Îœ ÏÎżÎŽáż¶Îœ áœÎŒáż¶Îœ ÏαÏÎŹÏÏÎżÏ
ÏÎčΜ.cite-ref-177[177]
LB 1545 Kinder sind Treiber meines volcks / vnd Weiber herrschen vber sie. Mein volck deine Tröster verfĂŒren dich / vnd zerstören den weg da du gehen solt.cite-ref-178[178]
LB 1984 Kinder sind Gebieter meines Volks, und Frauen beherrschen es. Mein Volk, deine FĂŒhrer verfĂŒhren dich und verwirren den Weg, den du gehen sollst!cite-ref-179[179]
LB 2017 Mein Volk â seine Gebieter ĂŒben WillkĂŒr, und Wucherer beherrschen es. Mein Volk, deine FĂŒhrer verfĂŒhren dich und verwirren den Weg, den du gehen sollst!cite-ref-180[180]
1. Kor 11,29
Im 1. Korintherbrief wurde die philologisch genaue Ăbersetzung Luthers von einer theologischen Ăbertragung abgelöst:
TR áœ Îłáœ°Ï áŒÏΞίÏΜ Îșα᜶ ÏÎŻÎœÏΜ áŒÎœÎ±ÎŸÎŻÏÏ, ÎșÏÎŻÎŒÎ± áŒÎ±Ï
Ïáż· áŒÏΞίΔÎč Îșα᜶ ÏÎŻÎœÎ”Îč Όᜎ ÎŽÎčαÎșÏÎŻÎœÏΜ Ï᜞ Ïáż¶ÎŒÎ± ÏοῊ ÎșÏ
ÏÎŻÎżÏ
cite-ref-181[181]
NA 28 áœ Îłáœ°Ï áŒÏΞίÏΜ Îșα᜶ ÏÎŻÎœÏΜ ÎșÏÎŻÎŒÎ± áŒÎ±Ï
Ïáż· áŒÏΞίΔÎč Îșα᜶ ÏÎŻÎœÎ”Îč Όᜎ ÎŽÎčαÎșÏÎŻÎœÏΜ Ï᜞ Ïáż¶ÎŒÎ±.cite-ref-182[182]
LB 1545 Denn welcher vnwirdig isset vnd trincket /der isset vnd trincket im selber das Gerichte / da mit das er nicht vnterscheidet den Leib des HErrn.cite-ref-183[183]
LB 1984 Denn wer so isst und trinkt, dass er den Leib des Herrn nicht achtet, der isst und trinkt sich selber zum Gericht.cite-ref-184[184]
LB 2017 Denn wer isst und trinkt und nicht bedenkt, welcher Leib es ist, der isst und trinkt sich selber zum Gericht.cite-ref-185[185]
âden Leibâ (Ï᜞ Ïáż¶ÎŒÎ±) ist im Griechischen ein Akkusativobjekt. Die NeuĂŒbersetzung mit einem Relativpronomen ist philologisch falsch und entfernt sich von Luthers korrekter Ăbersetzung. Eine philologisch genaue und sehr wörtliche Ăbersetzung wĂŒrde (zum Vergleich) lauten: âAber den Leib nicht [als solchen/ entsprechend] beurteilend isst und trinkt der Essende und Trinkende sich selbst ein Gericht.â
Die neue Lutherbibel im JubilÀumsjahr 2017
Mit einem Empfang auf der Wartburg wĂŒrdigte die EKD 2015 den Abschluss der Revision; die Deutsche Bibelgesellschaft wurde mit der Herstellung der neuen Bibel betraut.cite-ref-186[186] Am Erscheinungsbild arbeitete u. A. Friedrich Forssman.
In einem Festgottesdienst anlĂ€sslich des Reformationstages wurde das Buch 2016 in der Eisenacher Georgenkirche unter Beteiligung des EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm und der EKD-Reformationsbotschafterin Margot KĂ€Ămann offiziell den Gemeinden âĂŒbergebenâ.cite-ref-187[187] Konkret hieĂ das: Mehrere Landeskirchen schenkten ihren Gemeinden zum Reformationstag neue Altarbibeln.
Rezensionen
âEndlich den Grauschleier weggezogenâ, lobt Stefan LĂŒddemann in der Neuen OsnabrĂŒcker Zeitung;cite-ref-189[189] gemeint sind: die âdĂ€mpfenden Verbesserungenâ, mit denen frĂŒhere Revisionen die Lutherbibel der Gegenwartssprache angenĂ€hert hatten. Die Meinung, dass die Lutherbibel von 2017 eine gröĂere sprachliche Kraft besitze als die VorgĂ€ngerversion, wird allgemein geteilt.cite-ref-190[190]cite-ref-191[191]cite-ref-192[192] Christoph Arens (KNA) lĂ€dt ein, in diesem Buch âSprachschĂ€tzeâ zu entdecken.cite-ref-193[193]
Die RĂŒckkehr zu Luthers Sprache ĂŒberzeugte nicht alle. Beispiel: 1. Korinther 13,1â13 âund hĂ€tte der Liebe nichtâ â eine veraltete Formulierung (genitivus partitivus), die aber dem Lenkungsausschuss am Herzen lag. FĂŒr Bernhard Lang (Neue ZĂŒrcher Zeitung) hat die Lutherbibel von 2017 âweithin musealen Charakterâ. Die deutschen Lutheraner pflegten damit ihre Bibelsprache, die zu einer Sondersprache geworden sei.cite-ref-194[194] Karl-Heinz Göttert kritisiert die AbwĂ€gung der Revision zwischen philologischer Genauigkeit und vertrautem Lutherbibel-Klang: âMan hat mit einer gewissen WillkĂŒr mal Luther sein lassen, mal den Philologen Recht gegeben.âcite-ref-3-77-2[77]
Michael Rohde findet in der revidierten Lutherbibel eine sowohl kraftvolle als auch seelsorgerliche Sprache, und obwohl es ein Reichtum sei, in einer Gemeinde viele BibelĂŒbersetzungen zu gebrauchen, eigne sich diese Ausgabe besonders zum gemeinsamen Lesen.cite-ref-195[195]
Der Rezensent der SELK urteilt, dass die ErklÀrungen zu Taufe und Abendmahl im Anhang nicht den Aussagen der lutherischen Bekenntnisschriften entsprÀchen.cite-ref-196[196]
Gottfried Hoffmann, ehemals Rektor des Theologischen Seminars der kleinen Evangelisch-Lutherischen Freikirche (ELFK), beklagt dagegen eine Verunsicherung der Gemeinden durch die Menge der TextÀnderungen, von denen viele unnötig oder seltsam seien.cite-ref-197[197] Abgelehnt werden (wie auch 1984 schon) die Sach- und WorterklÀrungen im Anhang, deren Verfasser als Alt- und Neutestamentler mit universitÀrem Hintergrund erkennbar sind.
Der konservative evangelikale Theologe und Publizist Lothar Gassmann warnt vor einer âfeministischen VerfĂ€lschungâ und bezeichnet die 2017er Ausgabe als âfĂŒr glĂ€ubige Bibelleser nicht empfehlenswertâ. Gassmann kritisiert die evangelisch-katholische Ăkumene und damit auch die Aufwertung der Apokryphen in der LB 2017.cite-ref-198[198]
Der Rezensent der Siebenten-Tags-Adventisten meint, dass die Lutherbibel von 2017 insgesamt grundtexttreuer ĂŒbersetze; eine âfeministische Tendenzâ sieht er nicht.cite-ref-199[199]
GrundsĂ€tzlicher Einspruch kommt von reformierter Seite: âein weiterer Baustein der Luther-Huldigung und eine vertane Chance, die Anliegen der Reformation zu aktualisieren.âcite-ref-200[200] Die Kritik richtet sich genau genommen dagegen, dass so viel Expertise in die Revision einer historischen Bibel eingebracht wurde, anstatt zum Reformationsjahr eine qualitĂ€tvolle NeuĂŒbersetzung vorzulegen.
Verkaufszahlen
âą Lutherbibeln der Deutsche Bibelgesellschaft insgesamt 2006â2016: 1,8 Millionen Exemplarecite-ref-201[201]
NachtrÀgliche Korrekturen
Die im Reformationsjahr veröffentlichte Lutherbibel enthielt in den Beigaben Fehlinformationen aus dem Bereich der Numismatik: eine Tabelle zur âWertigkeit der im Neuen Testament erwĂ€hnten MĂŒnzenâ mit der falschen Relation 1 Denar = 64 Asse, was als Folgefehler zu gröĂtenteils falschen, um den Faktor 4 ĂŒberhöhten Angaben in dieser Tabelle und entsprechend unrealistischen Annahmen zur Kaufkraft der damaligen Bevölkerung fĂŒhrt. AuĂerdem wurde das Gewicht einer Drachme mit 14 g Silber angegeben. 2018 wurde korrigiert: 1 Denar = 16 Asse, 1 Drachme wog 4 g.
Textgrundlagen der Lutherbibel
Die von Martin Luther verwendeten Grundtexte waren nach spĂ€teren Erkenntnissen der modernden Bibelwissenschaft und Textkritik weniger zuverlĂ€ssig, da die noch junge, vom Renaissance-Humanismus eingefĂŒhrte Textkritik in ihren Anfangsstadien war und somit die Bibeltexte samt ihrer Ăberlieferung kaum erforscht waren. Dies hatte zur Folge, dass spĂ€tere LB-Revisionen andere, von der Bibelwissenschaft rekonstruierte Grundtexte verwendeten.
Altes Testament (Tanach)
Martin Luther erwarb spĂ€testens 1519 einen hebrĂ€ischen Tanach von 1494.cite-ref-12-34-1[34] FĂŒr das Alte Testament verwendeten er und die anderen Ăbersetzer den masoretischen Text nach einer Ausgabe der sogenannten Rabbinerbibel (Mikraot Gedolot) von Daniel Bomberg. Bei den Revisionen nach 1912 wurden stellenweise auch Korrekturen aufgrund zuverlĂ€ssiger alter Ăbersetzungen oder moderner Textkonjekturen eingearbeitet.
Apokryphen des Alten Testaments
Die Apokryphencite-ref-204[204]cite-ref-205[205] des Alten Testaments wurden von Luther und seinen Mitarbeitern aus der lateinischen Vulgata, gelegentlich auch aus Texten der griechischen Septuaginta ĂŒbersetzt; fĂŒr die Revision von 2017 wurden teilweise NeuĂŒbersetzungen aus einer kritischen Ausgabe der Septuaginta angefertigt.
Neues Testament
siehe auch: Textkritik des Neuen Testaments
Textgrundlage des Neuen Testaments war fĂŒr Luthers Ăbersetzungen von 1522 (Septembertestament und Dezembertestament) ursprĂŒnglich die 2. Ausgabe des von Erasmus von Rotterdam 1519 herausgegebenen Novum Testamentum Omne (eine frĂŒhe Version des spĂ€ter sog. Textus receptus), da es das erste gedruckte griechische Neue Testament war und damit weite Verbreitung fand.cite-ref-206[206] Bei der LB 1883 kamen schlieĂlich die ersten textkritischen Revisionen in die Textgestalt; anfangs wurden aus Vorsicht nur wenige Textstellen revidiert.cite-ref-5-8-2[8] Doch in den 1920ern entschied man sich fĂŒr alle kirchenamtlich revidierten Ausgaben nur noch die wissenschaftlichen Textausgaben des ursprĂŒnglich von Eberhard Nestle (spĂ€ter von Erwin Nestle und Kurt Aland) herausgegebenen und heute vom Institut fĂŒr Neutestamentliche Textforschung verwalteten Novum Testamentum Graece (spĂ€ter âNestle-Alandâ genannt) zu verwenden. Der LB 1984 unterliegt somit die 26. Ausgabe des NT Graece von 1979 und die LB 2017 verwendet die mit der Editio Critica Maior (ECM) ĂŒbereinstimmende 28. Ausgabe von 2012.
Einige von anderen Verlagen verwaltete Lutherbibeln verwenden als Textgrundlage eine spezielle, von Frederick Henry Ambrose Scrivener 1881 edierte Ausgabe des Textus receptus, welche auf den Lesarten der englischen King-James-Bibel von 1611 basiert.cite-ref-11-125-1[125]
Das Comma Johanneum
â
Hauptartikel
:
Comma Johanneum
Das Comma Johanneum (in 1. Joh 6,7â8) hat in der Lutherbibel eine komplexe Geschichte, gehört aber keinesfalls zu Luthers Werk: Die trinitarische Formulierung des CJ war zu Luthers Lebzeiten nie Teil seiner Ăbersetzung. Bis 1545 fehlte das Comma in der Lutherbibel vollstĂ€ndig. Bei seiner letzten Revision (LB 1545) ergĂ€nzte Luther lediglich die Worte âauff Erdenâ, was darauf hindeutet, dass er zwar mit spĂ€ten Ausgaben des Novum Testamentum Omne (1522, 1527, 1535), welche das Comma im Text enthielten, vertraut war, sich aber aktiv gegen die Aufnahme des anderen Teiles des Commas in seine Ăbersetzung entschieden hatte. Denn die von Luther fĂŒr sein September- und Dezembertestament verwendete 2. Ausgabe des NT Omne (1519) hatte das Comma lediglich in den Annotationen, aber nicht im Bibeltext selbst. Luthers Misstrauen gegenĂŒber dem Comma entspricht auch den textkritischen Kommentaren im Anhang des Novum Testamentum Omne, wo Erasmus das Comma möglicherweise fĂŒr eine FĂ€lschung hielt.
NT Omne 1519: áœ
ÏÎč ÏÏΔáżÏ ΔጰÏÎčΜ ÎżáŒ± ΌαÏÏÏ
ÏÎżáżŠÎœÏΔÏ, Ï᜞ ÏÎœÎ”áżŠÎŒÎ± Îșα᜶ Ï᜞ áœÎŽÏÏ Îșα᜶ Ï᜞ αጷΌα, Îșα᜶ ÎżáŒ± ÏÏΔáżÏ Î”áŒ°Ï Ï᜞ áŒÎœ ΔጰÏÎčΜ,cite-ref-207[207]
Septembertestament 1522: Denn drey sind die da zeugen / der geyst / vnd das wasser / vnd das blut / vnd die drey sind eyniscite-ref-13-208-0[208]
Luthers Randglosse zu diesen Versen zeigt auch keine Referenz zum Comma Johanneum: â(die drey sind ey.) Das ist / wo eyns ist / da ist auch das ander. Denn Christus blut / die tauffe vn der heylige geyst betzeugen / bekennen und predigen das Euangelion fur der wellt vnd ynn eyns yglichen gewissen, der do gleubt / Denn er fulet / das er durchs wasser vnd geyst / mit Christus blut erworben / rechtfertig vnd selig wirt.âcite-ref-13-208-1[208]
LB 1534 Denn drey sind die da zeugen / der Geist / vnd das Wasser / vnd das Blut / und die drey sind bey samen.cite-ref-209[209]
LB 1545 Denn drey sind die da zeugen auff Erden / Der Geist / vnd das Wasser / vnd das Blut / vnd die drey sind beysamen.
Erst 1581 fĂŒgte ein unbekannter Drucker in Frankfurt das Comma Johanneum in die kursĂ€chsische Normbibel ein, welche ein frĂŒher Versuch zur Einigung auf eine einheitliche Textfassung der Lutherbibel war. Es ist nicht bekannt, wer diese TextĂ€nderung initiierte. Auch aus welcher und wessen Ausgabe des Textus Receptus der Drucker das Comma entnahm, ist unbekannt, denn verschiedene Editionen enthielten verschiedene Versionen des CJ.
NT Omne 1522 áœ
ÏÎč ÏÏΔáżÏ ΔጰÏÎčΜ ÎżáŒ± ΌαÏÏÏ
ÏÎżáżŠÎœÏÎ”Ï áŒÎœ Ïáż· ÎżáœÏÎ±Îœáż·, *[áœ] ÏαÏÎźÏ, *[áœ] λÏγοÏ, Îșα᜶ *[Ï᜞] ÏÎœÎ”áżŠÎŒÎ± áŒ
ÎłÎčÎżÎœ, Îșα᜶ ÎżáœÏÎżÎč ÎżáŒ± ÏÏΔáżÏ áŒÎœ ΔጰÏÎčΜ. Îșα᜶ ÏÏΔáżÏ ΔጰÏÎčΜ ÎżáŒ± ΌαÏÏÏ
ÏÎżáżŠÎœÏÎ”Ï áŒÎœ Ïáż Îłáż, ÏÎœÎ”áżŠÎŒÎ±, Îșα᜶ áœÎŽÏÏ Îșα᜶ αጷΌα, Îșα᜶ ÎżáŒ± ÏÏΔáżÏ Î”áŒ°Ï Ï᜞ áŒÎœ ΔጰÏ᜶Μ. | *NT Omne 1527, 1535cite-ref-210[210]cite-ref-15-211-0[211]
Editio Regia 1550 áœ
ÏÎč ÏÏΔáżÏ ΔጰÏÎčΜ ÎżáŒ± ΌαÏÏÏ
ÏÎżáżŠÎœÏÎ”Ï áŒÎœ Ïáż· ÎżáœÏÎ±Îœáż·, ᜠÏαÏÎźÏ, ᜠλÏγοÏ, Îșα᜶ Ï᜞ âžáŒÎłÎčÎżÎœ Î ÎœÎ”áżŠÎŒÎ±âžÂ· Îșα᜶ ÎżáœÏÎżÎč ÎżáŒ± ÏÏΔáżÏ áŒÎœ ΔጰÏÎčΜ [.] Îșα᜶ ÏÏΔáżÏ ΔጰÏÎčΜ ÎżáŒ± ΌαÏÏÏ
ÏÎżáżŠÎœÏÎ”Ï áŒÎœ Ïáż Îłáż, Ï᜞ ÏÎœÎ”áżŠÎŒÎ± Îșα᜶ Ï᜞ áœÎŽÏÏ Îșα᜶ Ï᜞ αጷΌα Îșα᜶ ÎżáŒ± ÏÏΔáżÏ Î”áŒ°Ï Ï᜞ áŒÎœ ΔጰÏ᜶Μcite-ref-212[212]cite-ref-15-211-1[211] | âžáŒ
ÎłÎčÎżÎœ ÏÎœÎ”áżŠÎŒÎ± Novum D.N. Iesu Christi Testamentum (1559)cite-ref-213[213]
LB 1581 bis 1883 Denn drey sind die da zeugen im Himmel / der Vatter / das Wort vnd der heilige Geist; vnd die drey sind eins. Denn drey sind die da zeugen auff Erden / der Geist vnd das Wasser / vnd das Blut / vnd die drey sind beysamen.cite-ref-214[214]
Wenige Jahrzehnte spĂ€ter wurden nur noch Lutherbibeln mit dem Comma Johanneum gedruckt: Wahrscheinlich wegen der expliziten Bezeugung der Dreieinigkeit. Erst bei der Revision von 1892 (also ĂŒber 300 Jahre spĂ€ter) wurde das Comma dann aufgrund textkritischer Erkenntnisse und seines Fehlens bei Luther schlieĂlich wieder aus dem Text entfernt, in die FuĂnoten verwiesen und kommentiert: âDie in andern Bibelausgaben V. 7 und 8 stehenden weiteren Worte [Comma Johanneum] finden sich weder in den Handschriften des griechischen Textes noch in Luthers eigener Ăbersetzung.âcite-ref-14-172-1[172] Seitdem ist das Comma in kirchenamtlich revidierten Ausgaben der Lutherbibel höchstens noch als Anmerkung zu finden.
LB 1892 Denn drei sind, die da zeugen, der Geist und das Wasser und das Blut; und die drei sind beisammen.cite-ref-14-172-2[172]
LB 2017 Denn drei sind, die das bezeugen: der Geist und das Wasser und das Blut; und die drei stimmen ĂŒberein.cite-ref-217[217]
Einfluss auf andere BibelĂŒbersetzungen
FrĂŒhe protestantische BibelĂŒbersetzungen in die englische Sprache
William Tyndale (1494â1536) war der erste englische Reformator und BibelĂŒbersetzer, der den griechischen Text als Grundlage fĂŒr sein Werk nutzte. Die Veröffentlichung des Septembertestaments ermutigte ihn dazu, selbst die Bibel in die englische Sprache zu ĂŒbersetzen. FĂŒr die Ăbersetzung des Neuen Testaments ins Englische nutzte er das griechische NT des Erasmus, die Vulgata sowie Luthers Dezembertestament. Ganz Ă€hnlich wie bei Luthers Ăbersetzung auf der Wartburg ergibt sich ein komplexes Bild, wenn man fragt, welcher seiner drei Quellen er im Einzelfall den Vorzug gibt und warum.cite-ref-218[218] Er lernte Deutsch und las Luthers Neues Testament, bevor er 1525 mit dem Druck seines Neuen Testaments begann. Sein Werk hatte groĂen Einfluss auf spĂ€tere englische BibelĂŒbersetzungen, darunter die King-James-Bibel (1611). Die Benutzung des Dezembertestaments ist offensichtlich bei Tyndales Vorreden und Randglossen sowie bei der Reihenfolge der biblischen BĂŒcher.
Auch der spĂ€tere BibelĂŒbersetzer Miles Coverdale (1488â1569) lieĂ sich bei der Ăbersetzung mancher BĂŒcher des Alten Testaments, die dann in die Coverdale Bible (1535) und die Matthew-Bibel (1537) aufgenommen wurden, von der Lutherbibel beeinflussen.
Ăbersetzung der Tora durch Moses Mendelssohn
Moses Mendelssohn ĂŒbersetzte die BĂŒcher der Tora 1783 ins Hochdeutsche, geschrieben mit hebrĂ€ischen Buchstaben in Raschi-Schrift, um jĂŒdischen Lesern mit geringen HebrĂ€ischkenntnissen eine stilistisch ansprechende und genaue (aber nicht wortwörtliche) Ăbersetzung in jĂŒdischer Tradition bieten zu können. Dabei bezog er sich positiv auf die LutherĂŒbersetzung.cite-ref-219[219] Zum Vergleich beider Ăbersetzungen ein Textbeispielcite-ref-220[220] in der Transkription von Annette M. Boeckler (1. Mose 2,18.22â24 ):
Das ewige Wesen, Gott, sprach auch: âEs ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibe. Ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.â [âŠ] Das ewige Wesen, Gott, bildete diese Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, zu einer Frau und brachte sie dem Menschen. Der Mensch sprach, dieses Mal ist es Bein von meinen Beinen und Fleisch von meinem Fleische. Diese soll âMĂ€nninâ heiĂen, denn vom Manne ward sie genommen. Darum verlĂ€sst der Mann seinen Vater und seine Mutter und hĂ€ngt an seinem Weibe und sie werden wie ein Fleisch.cite-ref-221[221]
Evangelische Bibeln
Einige Bibeln aus dem Raum evangelischer Freikirchen sind im GegenĂŒber zur Lutherbibel entstanden. Sie wenden sich an eine Leserschaft, die mit Luthers Sprache gut vertraut ist, aber eine Bibel wĂŒnscht, die genauer ĂŒbersetzt oder kommunikativer ist. Es bleibt eine Ă€sthetische Faszination; die Ăbersetzer sind stĂ€ndig im GesprĂ€ch mit dem Luthertext. Beispiel:
Psalm 23, 4 ŚŚ ŚŚÖŸŚŚŚ ŚŚŚŚ ŚŠŚŚŚŚȘ ŚŚÖŸŚŚŚšŚ ŚšŚą ŚŚÖŸŚŚȘŚ ŚąŚŚŚ Ś©ŚŚŚ ŚŚŚ©ŚąŚ ŚȘŚ ŚŚŚ ŚŚ ŚŚŚ Ś Ś
âą LB 2017 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fĂŒrchte ich kein UnglĂŒck; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
âą Elberfelder Bibel: Auch wenn ich wandere im Tal des Todesschattens, fĂŒrchte ich kein Unheil, denn du bist bei mir; dein Stecken und dein Stab, sie trösten mich.
âą Neues Leben Bibel: Auch wenn ich durch das dunkle Tal des Todes gehe, fĂŒrchte ich mich nicht, denn du bist an meiner Seite. Dein Stecken und Stab schĂŒtzen und trösten mich..
Wo eine moderne Ăbersetzung nicht (mehr) mit einer solchen Leserschaft rechnet, klingt es deutlich anders:
âą Hoffnung fĂŒr alle: Auch wenn es durch dunkle TĂ€ler geht, fĂŒrchte ich kein UnglĂŒck, denn du, HERR, bist bei mir. Dein Hirtenstab gibt mir Schutz und Trost.
âą Gute Nachricht Bibel: Und muss ich auch durchs finstere Tal â ich fĂŒrchte kein Unheil! Du, Herr, bist ja bei mir; du schĂŒtzt mich und du fĂŒhrst mich, das macht mir Mut.
âą Neue evangelistische Ăbersetzung: Selbst auf dem Weg durch das dunkelste Tal fĂŒrchte ich mich nicht, denn du bist bei mir. Dein Wehrstock und dein Hirtenstab, sie trösten und ermutigen mich.
Katholische Bibeln
Zu katholischen Bibeln des 16. Jahrhunderts: siehe Korrekturbibeln.
Die Lutherbibel wurde nach dem Konzil von Trient auf den Index gesetzt (Bibelverbot), und sie blieb dort bis zur Abschaffung des Index Romanus. Vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstanden mehrere katholische BibelĂŒbersetzungen, die offiziell mit Luther nichts zu tun hatten, untergrĂŒndig aber doch: Die Ăbersetzer âriskierten verstohlene Seitenblicke und durften nicht zugeben, wer ihnen geholfen hat, einen guten Ausdruck zu findenâ.cite-ref-222[222]
Auch die EinheitsĂŒbersetzung (EĂ) zeigt sich von Luther beeinflusst. Psalmen und Neues Testament wurden von evangelischen und katholischen Exegeten gemeinsam ĂŒbersetzt; es bestand damals, in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts, die Hoffnung, die EinheitsĂŒbersetzung könnte sich zur gemeinsamen Bibel aller deutschsprachigen Christen entwickeln. Um die Akzeptanz unter evangelischen Lesern zu erhöhen, nahm die EĂ bekannte Formulierungen der Lutherbibel auf, z. B. Ps 124,8 : âUnsere Hilfe steht im Namen des Herrn âŠâ
Die Revision der EĂ wollte u. a. sprachliche Moden der Gegenwart vermeiden. So wurde die Lutherbibel zur Fundgrube fĂŒr klassische Formulierungen. Dabei schreckte man auch vor schwer verstĂ€ndlichen Archaismen nicht zurĂŒck, etwa âmĂŒhseligâ in der veralteten Bedeutung âvon MĂŒhen geplagtâ statt der heutigen âMĂŒhen verursachendâ. Obwohl die römische Instruktion Liturgiam authenticam (2001) in Nr. 40 vorgab, man mĂŒsse sich âmit ganzer Kraft darum bemĂŒhen, dass nicht ein Wortschatz oder ein Stil ĂŒbernommen wird, die das katholische Volk mit dem Sprachgebrauch nichtkatholischer kirchlicher Gemeinschaften [âŠ] verwechseln könnte,âcite-ref-223[223] enthĂ€lt die revidierte EĂ âmehr Lutherâ als die unrevidierte. Beispiele:
Psalm 8,5a:ŚŚÖŸŚŚ ŚŚ© ŚŚÖŸŚȘŚŚŚšŚ Ś
EĂ unrevidiert: Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst?
EĂ revidiert: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?
Psalm 26,8a ŚŚŚŚ ŚŚŚŚȘŚ ŚŚąŚŚ ŚŚŚȘŚ
EĂ unrevidiert: Herr, ich liebe den Ort, wo dein Tempel steht.
Eà revidiert: HERR, ich liebe die StÀtte deines Hauses.
Psalm 145,16 Ś€ŚŚȘŚ ŚŚȘÖŸŚŚŚ ŚŚŚ©ŚŚŚą ŚŚŚÖŸŚŚ ŚšŚŠŚŚŚ
Eà unrevidiert: Du öffnest deine Hand und sÀttigst alles, was lebt, nach deinem Gefallen.
Eà revidiert: Du tust deine Hand auf und sÀttigst alles, was lebt, mit Wohlgefallen.
MatthĂ€us 4,4 ÎżáœÎș áŒÏâ áŒÏÏáżł ÎŒÏÎœáżł ζΟÏΔÏαÎč ᜠáŒÎœÎžÏÏÏÎżÏcite-ref-224[224]
EĂ unrevidiert: Der Mensch lebt nicht nur von Brot.
EĂ revidiert: Der Mensch lebt nicht von Brot allein.
MatthĂ€us 11,28 ÎΔῊÏΔ ÏÏÏÏ ÎŒÎ” ÏÎŹÎœÏÎ”Ï ÎżáŒ± ÎșÎżÏÎčáż¶ÎœÏÎ”Ï Îșα᜶ ÏΔÏÎżÏÏÎčÏÎŒÎÎœÎżÎč, ÎșáŒÎłáœŒ áŒÎœÎ±ÏαÏÏÏ áœÎŒáŸ¶Ï.cite-ref-225[225]
EĂ unrevidiert: Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.
EĂ revidiert: Kommt alle zu mir, die ihr mĂŒhselig und beladen seid! Ich will euch erquicken.
Markus 4,21 ÎŒÎźÏÎč áŒÏÏΔÏαÎč ᜠλÏÏÎœÎżÏ áŒ”ÎœÎ± áœÏ᜞ Ï᜞Μ ÎŒÏÎŽÎčÎżÎœcite-ref-226[226]
EĂ unrevidiert: ZĂŒndet man etwa ein Licht an und stĂŒlpt ein GefÀà darĂŒber?
EĂ revidiert: ZĂŒndet man etwa eine Leuchte an und stellt sie unter den Scheffel?
Lukas 2,14 ÎŽÏΟα áŒÎœ áœÏÎŻÏÏÎżÎčÏ ÎžÎ”áż· Îșα᜶ áŒÏ᜶ ÎłáżÏ ΔጰÏÎźÎœÎ·cite-ref-227[227]
Eà unrevidiert: Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Frieden.
Eà revidiert: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden.
Lukas 10, 7b áŒÎŸÎčÎżÏ Îłáœ°Ï áœ áŒÏγΏÏÎ·Ï ÏοῊ ÎŒÎčÏΞοῊ αáœÏοῊcite-ref-8-228-0[228]
EĂ unrevidiert: Ein Arbeiter hat ein Recht auf seinen Lohn.
EĂ revidiert: Wer arbeitet, ist seines Lohnes wert.
Merkvers zur Ordnung der biblischen BĂŒcher
In des alten Bundes Schriften merke an der ersten Stell:
Mose, Josua und Richter, Ruth und zwei von Samuel,
Zwei der Könige, Chronik, Esra, Nehemia, Esther mit.
Hiob, Psalter, dann die SprĂŒche, Prediger und Hoheslied.
Jesaja, Jeremia, Hesekiel, Daniel,
Dann Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jonaâs Fehl,
Micha, welchem Nahum folget, Habakuk, Zephanja,
Nebst Haggai, Sacharja und zuletzt Malachia.
In dem neuen stehn MatthÀus, Markus, Lukas und Johann
Samt den Taten der Apostel unter allen vornean.
Dann die Römer, zwei Korinther, Galater und Epheser,
Die Philipper und Kolosser, beide Thessalonicher;
An Timotheus und Titus, an Philemon; â Petrus zwei,
Drei Johannes, die HebrÀer, Jakobs, Judas Brief dabei.
Endlich schlieĂt die Offenbarung das gesamte Bibelbuch.
Mensch, gebrauche, was du liesest, dir zum Segen, nicht zum Fluch!
(Stuttgarter JubilÀumsbibel 1912, Anhang. Verfasst um 1800 von M. Georg Ernst Göz, Pfarrer an der Leonhardskirche Stuttgart.)
Ausgaben der Lutherbibel (Auswahl)
âą Biblia Germanica. Luther-Ăbersetzung 1545, Ausgabe letzter Hand. Faksimilierte Handausgabe nach dem im Besitz der Deutschen Bibelgesellschaft befindlichen Originaldruck; einspaltig. Mit zahlreichen Initialen und Holzschnitten des Meisters MS, an deren Gestaltung Luther selbst mitgewirkt hat. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1967, ISBN 3-438-05501-5.
âą D. Martin Luther. Die gantze Heilige Schrifft Deudsch. Der komplette Originaltext von 1545 in modernem Schriftbild. Hrsg. von Hans Volz unter Mitarbeit von Heinz Blanke; Textredaktion Friedrich Kur. Rogner & Bernhard, MĂŒnchen 1972, ISBN 3-920802-83-7 (Dt. Taschenbuch Verl., MĂŒnchen 1974, 3 BĂ€nde: ISBN 3-423-06031-X, ISBN 3-423-06032-8, ISBN 3-423-06033-6), (Neuausgabe: Ed. Lempertz, Bonn 2004), ISBN 3-933070-56-2.
âą Die Luther-Bibel. Originalausgabe 1545 und revidierte Fassung 1912 (CD-ROM), Digitale Bibliothek 29, Berlin 2002, ISBN 3-89853-129-5 (Luthers frĂŒhneuhochdeutscher Text).
âą Biblia [âŠ] von Doctor Martin Luther [âŠ] in unserer Deutsche Mutter-Sprach [âŠ] gebracht [âŠ]. Joh. Andreas Endter Seel. Sohn und Erben, NĂŒrnberg 1710.
âą Evangelische Kirche in Deutschland (Hrsg.): Die Bibel. Nach Martin Luthers Ăbersetzung. Lutherbibel revidiert 2017. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-438-03310-9.
Literatur
Luthers ĂbersetzungstĂ€tigkeit; sein Wortschatz
âą Martin Luther: Sendbrief vom Dolmetschen. NĂŒrnberg 1530, WA 30, 2, 632-646.
âą Martin Luther: Summarien ĂŒber die Psalmen und Ursachen des Dolmetschens. WA 38, 9 (Digitalisat: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/luther1665).
âą Heinrich Bornkamm: Die Vorlagen zu Luthers Ăbersetzung des Neuen Testaments. In: ders.: Luther, Gestalt und Wirkungen, gesammelte AufsĂ€tze (= Schriften des Vereins fĂŒr Reformationsgeschichte, Nr. 188). GĂŒtersloh 1975, ISBN 3-579-04348-X, S. 65â73.
âą Stephen G. Burnett: Luthers hebrĂ€ische Bibel (Brescia, 1494). In: Irene Dingel, Henning P. JĂŒrgens: Meilensteine der Reformation: SchlĂŒsseldokumente der frĂŒhen Wirksamkeit Martin Luthers. GĂŒtersloh 2014, S. 62â69.
âą Traudel Himmighöfer: Luthers Lebensarbeit an der deutschen Bibel. In: Ebernburg-Hefte. 30 (1996), S. 31â52 / BlĂ€tter fĂŒr pfĂ€lzische Kirchengeschichte und religiöse Volkskunde. 63 (1996), S. 283â304.
âą Siegfried Kreuzer: âVom Dolmetschenâ â Beobachtungen zur Lutherbibel 2017, zu ihrer Vorgeschichte und zu Grundfragen der BibelĂŒbersetzung. In: Kerygma und Dogma 63 (2017), S. 263â296.
âą Christine Ganslmayer: Luther als BibelĂŒbersetzer. Neue sprachwissenschaftliche Perspektiven fĂŒr die Luther-Forschung. In: Jahrbuch fĂŒr Germanistische Sprachgeschichte 9/1 (2018), S. 55â105.
âą Christoph Mackert: Luthers Handexemplar der hebrĂ€ischen Bibelausgabe von 1494 â Objektbezogene und besitzgeschichtliche Aspekte. In: Irene Dingel, Henning P. JĂŒrgens: Meilensteine der Reformation: SchlĂŒsseldokumente der frĂŒhen Wirksamkeit Martin Luthers. GĂŒtersloh 2014, S. 70â78.
âą Heimo Reinitzer: Biblia deutsch. Luthers BibelĂŒbersetzung und ihre Tradition. Wittig, Hamburg 1983, ISBN 978-3-8048-4268-7.
âą Stefan Strohm, Eberhard Zwink: Ursprung der Biblia Deutsch von Martin Luther. Quell-Verlag, Stuttgart 1983, ISBN 978-3-7918-0251-0.
âą Hans Volz: Luthers deutsche BibelĂŒbersetzung. Vorwort zu D. Martin Luther. Die gantze Heilige Schrifft Deudsch. MĂŒnchen 1972, S. 41*â137*.
âą Werner Besch: Deutscher Bibelwortschatz in der frĂŒhen Neuzeit, Auswahl â Abwahl â Veralten. Frankfurt/Main 2008.
âą Werner Besch: Luther und die deutsche Sprache: 500 Jahre deutsche Sprachgeschichte im Lichte der neueren Forschung. Berlin 2014, ISBN 978-3-503-15522-4.
âą Dieter Gutzen: âDenn wer dolmetzschen wil, mus grosse vorrath von worten haben.â Von Luthers BibelĂŒbersetzung zur Bibel in gerechter Sprache. In: Albrecht Buschmann (Hrsg.): Gutes Ăbersetzen. Neue Perspektiven fĂŒr Theorie und Praxis des LiteraturĂŒbersetzens. Berlin/Boston 2015, S. 243â282.
âą Anja Lobenstein-Reichmann: Martin Luther, Bible Translation, and the German Language. In: Oxford Research Encyclopedia of Religion. Oxford University Press, 2017.
âą Hartmut GĂŒnther: Mit Feuereifer und Herzenslust: Wie Luther unsere Sprache prĂ€gte. Duden-Verlag, 2017, ISBN 978-3-411-75427-4.
âą Jens Haustein: Die Lutherbibel. Vorgeschichte, Entstehung, Bedeutung, Wirkung. In: Luther und die Deutschen. Begleitband zur Nationalen Sonderausstellung auf der Wartburg 4. Mai â 5. November 2017, hrsg. von der Wartburg-Stiftung Eisenach. Petersberg 2017, S. 162â169.
âą Albrecht Beutel: âEs ist mein testament und mein dolmetschung, und sol mein bleiben unnd sein.â Bemerkungen zur theologischen und sprachlichen KlassizitĂ€t der Luther-Bibel. In: Corinna DahlgrĂŒn / Jens Haustein (Hrsg.): Anmut und Sprachgewalt. Zur Zukunft der Lutherbibel. BeitrĂ€ge der Jenaer Tagung 2012, Stuttgart 2013, S. 17â37.
âą Christopher Spehr: Luther als Dolmetscher. Notizen zur Wittenberger BibelĂŒbersetzung. In: Corinna DahlgrĂŒn / Jens Haustein (Hrsg.): Anmut und Sprachgewalt. Zur Zukunft der Lutherbibel. BeitrĂ€ge zur Jenaer Tagung 2012, Stuttgart 2013, S. 39â52.
⹠Siegfried Meurer (Hrsg.): Die Bibel in der Welt. Band 21: Die neue Lutherbibel. BeitrÀge zum revidierten Text 1984. Stuttgart 1985.
âą Siegfried Meurer (Hrsg.): Was Christum treibet. Martin Luther und seine BibelĂŒbersetzung. Bibel im GesprĂ€ch Bd. 4, Stuttgart 1996, darin besonders:
âą Fritz Tschirch: Luthers Septembertestament. Eine Wende in der Ăbersetzung der Bibel ins Deutsche, S. 11â23.
âą Klaus Dietrich Fricke: Dem Volk aufs Maul sehen. Bemerkungen zu Luthers VerdeutschungsgrundsĂ€tzen, S. 24â37.
âą Wolfgang Haubrichs: Die Sprache Martin Luthers, S. 52â69.
âą Hartmut Hövelmann: Die Markierung von Kernstellen in der Lutherbibel. Ihre Entstehung, ihre Entwicklung, ihre Problematik, S. 70â88.
Die Lutherbibel als Buch
âą Regina Frettlöh: Die Revisionen der Lutherbibel in wortgeschichtlicher Sicht (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Band 434). KĂŒmmerle Verlag, Göppingen 1986, ISBN 3-87452-665-8.
âą Margot KĂ€Ămann, Martin Rösel (Hrsg.): Die Bibel Martin Luthers. Ein Buch und seine Geschichte. Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart und EVA Leipzig 2016, ISBN 978-3-438-06275-8.
âą Stefan Michel: Die Kanonisierung der Werke Martin Luthers im 16. Jahrhundert. Mohr, TĂŒbingen 2016.
âą Irene Dingel, Henning P. JĂŒrgens: Meilensteine der Reformation: SchlĂŒsseldokumente der frĂŒhen Wirksamkeit Martin Luthers. GĂŒtersloh 2014, darin besonders: Heimo Reinitzer: Das Septembertestament (1522) â Theologie, Sprache, Kunst. S. 160â170 und Cornelia Schneider: Das Septembertestament (1522) â der mediale Kontext, S. 171â179.
âą Sven Bigl: Von der Reformationszeit bis 2017. Die Reformationsgeschichte der Lutherbibel. In: Hannelore Jahr (Hrsg.): â⊠und hĂ€tte der Liebe nicht.â Die Revision und Neugestaltung der Lutherbibel zum JubilĂ€umsjahr 2017: 500 Jahre Reformation. Stuttgart 2016, S. 31â41.
âą Siegfried Kreuzer: âVom Dolmetschenâ â Beobachtungen zur Lutherbibel 2017, zu ihrer Vorgeschichte und zu Grundfragen der BibelĂŒbersetzung. In: Kerygma und Dogma 63 (2017), S. 263â296.
Der Weg zur Revision von 2017
âą Ernst Lippold: Die Lutherbibel â Einblick in eine Revisionsarbeit. In: Evangelische Orientierung 1/2007, S. 10â11.
âą Corinna DahlgrĂŒn, Jens Haustein (Hrsg.): Anmut und Sprachgewalt. Zur Zukunft der Lutherbibel. BeitrĂ€ge der Jenaer Tagung 2012. Stuttgart 2013.
âą Melanie Lange, Martin Rösel (Hrsg.): âWas Dolmetschen fĂŒr Kunst und Arbeit seiâ. Die Lutherbibel und andere deutsche BibelĂŒbersetzungen; BeitrĂ€ge der Rostocker Konferenz 2013. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2014 / Evangelische Verlags-Anstalt, Leipzig 2014, ISBN 978-3-374-03789-6.
âą Ulrich H. J. Körtner: Im Anfang war die Ăbersetzung. Kanon, BibelĂŒbersetzung und konfessionelle IdentitĂ€ten im Christentum. In: Marianne Grohmann, Ursula Ragacs: Religion ĂŒbersetzen: Ăbersetzung und Textrezeption als TransformationsphĂ€nomene von Religion. Göttingen 2017, S. 179â202.
âą Martin Rösel: Revision und NeuĂŒbersetzung. Die Apokryphen in der Lutherbibel 2017. In: Albrecht Buschmann (Hrsg.): Gutes Ăbersetzen. Neue Perspektiven fĂŒr Theorie und Praxis des LiteraturĂŒbersetzens. Berlin/Boston 2015, S. 283â296.
âą Katholisches Bibelwerk (Hrsg.): Martin Luther und âseineâ Bibel. Bibel und Kirche, Heft 1/2017, darin: Peter Neuner: Die Heilige Schrift im Werk Martin Luthers. Katholisches Bibelwerk e. V. (PDF; 168 kB).
Weblinks
Commons
: Lutherbibel
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikisource: Lutherbibel
â Quellen und Volltexte
Wiktionary: Lutherbibel
â BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
Weltdokumentenerbe
⹠Scan von Luthers Handexemplar der hebrÀischen Bibel. Staatsbibliothek zu Berlin, abgerufen am 13. Oktober 2017.
âą Scan von Luthers Neuem Testament 1522. WolfenbĂŒtteler Digitale Bibliothek, abgerufen am 13. Oktober 2017.
âą Scan der Weimarer Lutherbibel von 1534, Bd. 1. Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek, abgerufen am 13. Juli 2017.
âą Scan der Weimarer Lutherbibel von 1534, Bd. 2 Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek, abgerufen am 21. Oktober 2017 (Propheten, Apokryphen, Neues Testament).
Besondere Lutherbibeln
âą Scan von Luthers Handexemplar des Neuen Testaments von 1540, ThULB Jena, abgerufen am 5. November 2017. (S. 51r ist Motiv des Sonderpostwertzeichens Die Bibel in der Ăbersetzung Martin Luthers. (Januar 2017).cite-ref-229[229])
âą Scan einer Lutherbibel von 1541 (Handexemplar Johann Gerhards), ThULB Jena, abgerufen am 5. November 2017.
Lutherbibel von 1545
Grundtexte der Lutherbibeln von 1522 bis 1545
âą Scan von Luthers Tanach von 1494. Staatsbibliothek Berlin, abgerufen am 23. Februar 2024.
⹠Novum Testamentum omne (1519). UniversitÀt Basel, abgerufen am 23. Februar 2024.
Lutherbibel von 1912
âą Lutherbibel 1912. Zeno.org, abgerufen am 13. April 2017.
âą Lutherbibel 1912. Deutsche Bibelgesellschaft, abgerufen am 2. Oktober 2023.
Aktuelle Editionen der Lutherbibel
âą Lutherbibel 1984, durchgesehene Ausgabe 1999. Deutsche Bibelgesellschaft, abgerufen am 13. Dezember 2024.
âą Lutherbibel 2017. Deutsche Bibelgesellschaft, abgerufen am 13. April 2017.
Lutherbibel im Museum
âą Wartburg. Abgerufen am 12. Mai 2022.
âą Lutherhaus Wittenberg. Abgerufen am 12. Mai 2022.
âą Dauerausstellung âLuther und die Bibelâ im Lutherhaus Eisenach. Abgerufen am 12. Mai 2022.
Anmerkungen
cite-note-16-11. â Luther und die Apokryphen. Abgerufen am 4. Februar 2024.
cite-note-7-22. â Volker Leppin: Die fremde Reformation, C.H. Beck, MĂŒnchen, 2016, S. 13 ISBN 978-3-406-69081-5 unter Verweis auf: Rudolf Bentzinger: Zur spĂ€tmittelalterlichen deutschen BibelĂŒbersetzung. Versuch eines Ăberblicks, in: Irmtraut Rösler (Hg.): Ăltere Sprache und Literatur in Forschung und Lehre. Festschrift Christa Baufeld. Rostock 1999, Rostocker BeitrĂ€ge zur Sprachwissenschaft 7, S. 29â41.
cite-note-9-33. â WDR: Martin Luther: Die Luther-Bibel. 31. MĂ€rz 2020, abgerufen am 3. Juni 2022.
cite-note-44. â Lutherbibel. Abgerufen am 24. MĂ€rz 2023.
cite-note-55. â SELK-Aktuell: Neue Ordnung der gottesdienstlichen Lesungen (23. November 2018).
cite-note-66. â Neue deutsche LutherĂŒbersetzung der Heiligen Schrift ab Januar 2019. Abgerufen am 3. Februar 2019.
cite-note-77. â Form, Gliederung und teilweise auch Inhalt des Abschnitts machen Anleihen bei den drei Abschnitten ĂŒber die Lutherbibeln von 1912, 1984 und 2017 der Webseite Deutsche BibelĂŒbersetzungen im Vergleich. Deutsche Bibelgesellschaft, abgerufen am 2. MĂ€rz 2018.
cite-note-5-88. â Hans Otte: Halle, Stuttgart und anderswo. Zur Bedeutung der Bibelgesellschaften im 19. Jahrhundert. In: Udo StrĂ€ter (Hrsg.): Pietismus und Neuzeit, Band 40. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014, S. 119â120.
cite-note-99. â Stefan Michel: Die Kanonisierung der Werke Martin Luthers im 16. Jahrhundert. Mohr Siebeck, TĂŒbingen 2016, S. 36f.
cite-note-bornkamm65-1010. â Heinrich Bornkamm: Die Vorlagen zu Luthers Ăbersetzung des Neuen Testaments. In: Theologische Literaturzeitung 72/1 (1947), Sp. 23â28 (Digitalisat)
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cite-note-3030. â Siehe die Vorrede zum HebrĂ€erbrief: »Bisher haben wir die rechten gewissen HauptbĂŒcher des Neuen Testaments gehabt. Diese vier nachfolgenden aber haben vor Zeiten ein anderes Ansehen gehabt.«
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cite-note-3535. â Christoph Mackert: Luthers Handexemplar der hebrĂ€ischen Bibelausgabe von 1494 - Objektbezogene und besitzgeschichtliche Aspekte. In: Irene Dingel, Henning P. JĂŒrgens (Hrsg.): Meilensteine der Reformation. SchlĂŒsseldokumente der frĂŒhen Wirksamkeit Martin Luthers. GĂŒtersloh 2014, S. 70â78, hier S. 76.
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cite-note-3939. â Christoph Mackert: Luthers Handexemplar der hebrĂ€ischen Bibelausgabe von 1494 - Objektbezogene und besitzgeschichtliche Aspekte. In: Irene Dingel, Henning P. JĂŒrgens (Hrsg.): Meilensteine der Reformation. SchlĂŒsseldokumente der frĂŒhen Wirksamkeit Martin Luthers. GĂŒtersloh 2014, S. 70â78, hier S. 78.
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cite-note-4949. â D. Mar. Luth.: Die Propheten alle Deudsch. In: Biblia, das ist, die gantze Heilige Schrifft Deudsch. Mart. Luth. Wittemberg. Begnadet mit KĂŒrfurstlicher zu Sachsen freiheit. [Bd. 2]. Gedruckt durch Hans Lufft M. D. XXXIIII. [1534], Blatt XXXIX verso, urn:nbn:de:gbv:32-1-10036720665 (Digitalisat 2022).
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cite-note-5353. â Stefan Michel: Die Lutherbibel in den HĂ€nden seiner Kollegen: Martin Luther und die Helfer seiner BibelĂŒbersetzung. In: Bibel und Kirche 72 (2017), S. 25.
cite-note-5454. â vgl. Rörers Protokoll zu Ps 23
cite-note-5555. â Werner Besch: Die Rolle Luthers in der deutschen Sprachgeschichte: vorgetragen am 7. November 1998 (= Schriften der Philosophisch-Historischen Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften). Band 12, 2. Auflage. Winter, Heidelberg 2000, S. 1761.
cite-note-5656. â Stefan Michel: Die Kanonisierung der Werke Martin Luthers im 16. Jahrhundert. Mohr Siebeck, TĂŒbingen 2016, S. 19.
cite-note-5757. â D. Martin Luther: Die gantze Heilige Schrifft Deudsch. Der komplette Originaltext von 1545 in modernem Schriftbild. Hrsg. von Hans Volz unter Mitarbeit von Heinz Blanke. Band 1. Rogner & Bernhard, MĂŒnchen 1972, S. 9.
cite-note-5858. â D. Martin Luther: Die gantze Heilige Schrifft Deudsch. Der komplette Originaltext von 1545 in modernem Schriftbild. Hrsg. von Hans Volz unter Mitarbeit von Heinz Blanke. Band 2. Rogner & Bernhard, MĂŒnchen 1972, S. 1964.
cite-note-5959. â D. Martin Luther: Die gantze Heilige Schrifft Deudsch. Der komplette Originaltext von 1545 in modernem Schriftbild. Hrsg. von Hans Volz unter Mitarbeit von Heinz Blanke. Band 2. Rogner & Bernhard, MĂŒnchen 1972, S. 1516.
cite-note-6060. â D. Martin Luther: Die gantze Heilige Schrifft Deudsch. Der komplette Originaltext von 1545 in modernem Schriftbild. Hrsg. von Hans Volz unter Mitarbeit von Heinz Blanke. Band 1. Rogner & Bernhard, MĂŒnchen 1972, S. 926.
cite-note-6161. â JĂŒrgen Ebach: Mehr Bibel oder mehr Luther? Beobachtungen und Impressionen zur neuen Lutherbibel (2016), S. 6 (PDF)
cite-note-6262. â Hier referiert nach: Jörg Lauster: LoyalitĂ€t und Freiheit. Systematisch-theologische ErwĂ€gungen zum Thema der BibelĂŒbersetzung aus Anlass der Lutherbibel 2017. In: Evangelische Theologie 76/4 (2016), S. 294â303, hier S. 301.
cite-note-6363. â So in dem Titelblatt fĂŒr die Apokryphen der Lutherbibel.
cite-note-6464. â Helmut Zander: âEuropĂ€ischeâ Religionsgeschichte: religiöse Zugehörigkeit durch Entscheidung - Konsequenzen im interkulturellen Vergleich. De Gruyter Oldenbourg, Berlin/Boston 2016, S. 396.
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